Lese-Rechtschreib-Schwäche

Dieses Wort ist mir zu lang! – Wie Kinder beim Erlesen längerer Wörter unterstützt werden können

Kinder mit Leseschwächen machen oft die Erfahrung, dass sie an längeren Wörtern „hängen bleiben“ und insgesamt langsam und stockend lesen. Sie brauchen eine effiziente Strategie zum Erlesen längerer Wörter.

von Dr. Astrid Schröder

Das Lesenlernen ist ein spannender, für einige Kinder aber auch mühsamer Prozess. Viele von ihnen entdecken die Welt der Buchstaben schon vor Schulbeginn. Spätestens im Laufe des ersten Schuljahres lernen sie dann, den einzelnen Buchstaben gesprochene Laute zuzuordnen und erste Wörter zu entziffern. Zu Beginn des Leseerwerbs lesen die Kinder dabei zunächst buchstabenweise, z. B.: „Llliiisa hooollltee deeen Baaalll.“ Dabei konzentrieren sie sich noch sehr auf die Lesetechnik, d. h. die Übersetzung der Buchstaben in ihre Laute und das Zusammenschleifen der Laute zu einem Wort. Mit zunehmender Leseerfahrung wird die gelesene Einheit dann größer und die Kinder lesen z. B. silbenweise: „Pe-ter lief hin-ter-her.“ Bald werden die Wörter dann als Ganzes erkannt und das Lesen wird flüssiger. Die Lernenden haben dann auch die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf den Inhalt des Gelesenen zu richten. Dies geht meist damit einher, dass sie beginnen, eigene Leseinteressen zu entwickeln sowie Bücher und Lesetexte entsprechend ihren Interessen selbst auszuwählen.

„Viel lesen“ allein reicht nicht aus

Kinder mit Leseschwächen machen oft die Erfahrung, dass sie an längeren Wörtern „hängen bleiben“ und insgesamt langsamer und stockender lesen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Lesetechnische Schwierigkeiten äußern sich auch darin, dass Wörter oder Wortteile weggelassen oder ersetzt werden und dass die Lernenden nach einem mühsamen Erlesen eines Textes häufig den Sinn des Gelesenen nicht so recht erfassen können. Viele Familien vereinbaren daraufhin regelmäßige Lesezeiten, in der Hoffnung, dass sich durch häufiges Lesen die Lesefähigkeiten verbessern. Doch „viel“ hilft nicht immer viel: Kinder, die noch nicht flüssig lesen und Probleme mit der Lesetechnik haben, profitieren meist nicht ausreichend davon, regelmäßig ein Buch in die Hand zu nehmen. Dies liegt vermutlich daran, dass sie beim leisen Lesen noch keine effektiven Lesestrategien einsetzen können, da die Aufmerksamkeit bisher stark auf die Lesetechnik gerichtet ist. Eine gezielte Unterstützung ist daher notwendig, um die Leseschwierigkeiten zu überwinden.

Buchstaben, Silben und Morpheme – Vergrößerung der gelesenen Einheit beim Lesen

Kinder, die noch langsam und stockend lesen, brauchen eine effiziente Strategie zum Erlesen längerer Wörter. In der Förderung spielt dabei ‒ ausgehend vom jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes ‒ die Größe der gelesenen Einheit eine wichtige Rolle. Die zu lesenden Wörter werden dann so aufbereitet, dass jeweils die nächstgrößere Einheit beim Lesen „in den Blick“ genommen werden kann. Einigen Kindern fällt z. B. das Erkennen von mehrgliedrigen Graphemen wie sp, st, ei, eu, ie oder sch noch schwer. Hier hilft es, wenn diese im Wort eingekreist oder farbig markiert werden (Abb. 1).



Abb. 1: Durch das Einkreisen der mehrgliedrigen Grapheme in Wörtern werden diese beim Lesen leichter erkannt.

Kinder, die noch buchstabenweise lesen, können mithilfe dieser Strategie als nächstgrößere Einheit die Silbe in den Blick nehmen. Für die Förderung werden die Silben in den zu lesenden Wörtern dann z.B. durch Zwischenräume zwischen den einzelnen Silben dargestellt (z. B. heu te, Ki no), farbig markiert oder mit Silbenbögen gekennzeichnet. Diese Strategie können die Lernenden auch selbst anwenden (Abb. 2).



Abb. 2: Marvin nutzt Silbenbögen, um längere Wörter vor dem Lesen zu strukturieren.

Das silbenweise Lesen von Wörtern erleichtert vielen Kindern das Lesen, hat jedoch auch einen Nachteil: Das Lesen erfolgt immer noch stockend und die Wörter werden noch nicht richtig betont. Dies kann dazu führen, dass der Sinn des Gelesenen wiederholt nicht ausreichend erfasst wird. Deshalb ist es wichtig, im Rahmen der Förderung auch die Morpheme als sinntragende Einheiten der Sprache in den Blick zu nehmen. Auch hier können Texte vor dem Lesen entsprechend aufbereitet werden, indem in einzelnen Wörtern die Teile eines zusammengesetzten Wortes (z. B. Nachtzug), Wortstämme (z. B. du trinkst) oder häufig vorkommende grammatische Morpheme (z. B. die Vor- und Nachsilben in Ausstellung) farbig markiert oder durch Längsstriche im Wort abgetrennt werden (Abb. 3).



Abb. 3: Mira hat im Text die Wörter in ihre Morpheme (Wortbausteine) gegliedert und diese mit Längsstrichen markiert.

Lesemotivation und Leseinteressen fördern

Das Vorstrukturieren von Wörtern ist eine wichtige Strategie, die Kinder für das Dekodieren von längeren Wörtern nutzen können. Übungen zur Etablierung der Technik werden in der Lerntherapie durch die weitere Praxis zur Förderung der Lesegenauigkeit, Leseflüssigkeit und des Leseverständnisses ergänzt. Ein zusätzlicher Baustein ist selbstverständlich immer auch die Förderung der Lesemotivation. Entscheidend ist hier häufig die Textauswahl: Übungen, die die kommunikative Funktion und den Gebrauchswert des Lesens erkennen lassen (z. B. Lesen von Koch- oder Backrezepten, Durchführung von kleinen Experimenten, Lesen von Bastelanleitungen) haben sich dabei ebenso bewährt wie die Auswahl von Lesetexten, die sich an den Interessengebieten der Lernenden orientieren.



Dr. Astrid Schröder ist Leiterin für Forschung und Entwicklung und des Fachbereichs Deutsch bei den Duden Instituten für Lerntherapie.