Lese-Rechtschreib-Schwäche

Buchtipp: „Schreiben lernen nach Gehör? Freies Schreiben contra Rechtschreiben von Anfang an“

Freies Schreiben oder Rechtschreiben von Anfang an: Welche Methoden eignen sich am besten für den Anfangsunterricht? In ihrem Buch stellt die Autorin Scheerer-Neumann Hintergründe zur Debatte um die verschiedenen Ansätze vor.

WIA SCHBILN IMA FUSBAL - darf ein solcher Satz unkorrigiert im ersten Schuljahr im Heft stehen? Wird durch die frühe Förderung des freien Schreibens in der Schulanfangsphase eventuell das Erlernen der Rechtschreibung erschwert?

Die im Erstlese- und Schreibunterricht in der Schulanfangsphase eingesetzten didaktischen Methoden sind vielfältig. In der Arbeit mit Konzepten, die schon früh das freie Schreiben einbeziehen, kommt es zwangsläufig auch zu einem häufigeren Auftreten von Fehlern. Die Befürchtung, dass sich falsche Schreibweisen auf die Dauer einprägen können, hat in Deutschland eine zuweilen recht emotional geprägte Debatte ausgelöst. In ihrem Buch „Schreiben lernen nach Gehör? Freies Schreiben contra Rechtschreiben von Anfang an“ greift Scheerer-Neumann (2020) diese Debatte unaufgeregt auf und bettet sie in den größeren Rahmen der Rechtschreibentwicklung und der Vielfalt der didaktischen Ansätze im Erstlese- und Schreibunterricht ein.

Die Autorin führt zunächst in den Lerngegenstand der deutschen Orthografie, die Vielfalt an didaktischen Methoden und die kognitiven Prozesse bei der Rechtschreibentwicklung ein. Anschließend wird das Konzept „Lesen durch Schreiben“ differenziert betrachtet und durch methodische Vorschläge ergänzt. Dabei wird auch die häufig genannte Kritik, dass sich fehlerhafte Schreibungen auf die Dauer einprägen können, aufgegriffen und relativiert: So sei es vor allem wichtig, häufig vorkommende Wörter, die konstant falsch geschrieben werden (z.B. „*unt“ für „und“), schon recht früh im Erwerbsprozess zu korrigieren. Bei weniger verbreiteten Wörtern, die meist auf unterschiedliche Weise falsch verschriftet werden, sei es hingegen weniger wahrscheinlich, dass sich diese Fehler dauerhaft einprägen. Anschließend wird im darauffolgenden Kapitel der Spracherfahrungsansatz eingehend besprochen, bevor anschließend aktuelle Fibellehrgänge vorgestellt und kritisch betrachtet werden.

Dabei wird deutlich, dass die beschriebenen Ansätze mehr gemeinsam haben, als es oft dargestellt wird: Viele Fibellehrgänge enthalten auch Anlauttabellen und Anregungen zum freien Schreiben, und in der Arbeit mit schreiborientierten Ansätzen wie dem Spracherfahrungsansatz wird ebenso eine Orientierung zur Normschreibweise frühzeitig integriert. Welche Methoden lassen sich also für den Erstlese- und Schreibunterricht empfehlen?

Zur Beantwortung dieser Frage widmet sich die Autorin einigen methodenvergleichenden wissenschaftlichen Studien. Deren Ergebnisse zeigen: Vonseiten der Forschung kann bislang keine eindeutige Empfehlung für ein bestimmtes didaktisches Konzept ausgesprochen werden. Es hat sich vielmehr gezeigt, dass die verschiedenen didaktischen Verfahren die Lernverläufe der Kinder zwar unterschiedlich beeinflussen, sich diese aber gegen Ende der Grundschulzeit meist wieder angleichen. Das Fazit der Autorin lautet daher (S. 176): „Die Sachlage ist komplex, komplexer als es vor allem die Medien wahrhaben wollen, die eindeutige Schlagzeilen lieben.“ Was bleibt, ist die Feststellung der Autorin, dass das lautorientierte Schreiben im Anfangsunterricht eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz darstellt, die Lernenden aber gleichzeitig schon früh auf orthografische Strukturen aufmerksam gemacht werden und erste Lernwörter erwerben sollten. Übergeordnet stehe selbstverständlich das Ziel, Lernangebote stets differenziert und am jeweiligen Lernstand des Kindes zu orientieren.

Das Buch ist klar, informativ und gut verständlich geschrieben. Es ist allen Lehrkräften, Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten zu empfehlen, die sich mit den Methoden des Anfangsunterrichts vertraut machen möchten. Ebenso eignet sich dieses Buch, um die Kenntnisse zu vertiefen und sachliche Argumente für eine häufig sehr kontrovers geführte Debatte um die didaktischen Ansätze im Erstlese- und Schreibunterricht zu sammeln.

Scheerer-Neumann, G. (2020). Schreiben lernen nach Gehör? Freies Schreiben contra Rechtschreiben von Anfang an. Hannover: Klett Kallmeyer.
ISBN 978-3-77271260-9