Pädagogik und Psychologie

Online-Lerntherapie: Ein Blick in Praxis und Forschung

Dr. Johanna Hilkenmeier, Maike Hülsmann und Jenny Maurer stellen Hinweise des Fachverbandes für integrative Lerntherapie zur Online-Lerntherapie vor und berichten von den Ergebnissen einer Umfrage unter Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten.

Die Kontaktbeschränkungen im ersten pandemiebedingten Lockdown im Frühjahr 2020 führten dazu, dass Lerntherapie häufiger auf Distanz stattfand und vermehrt digital durchgeführt wurde, auch wenn weiterhin Lerntherapie in Präsenz angeboten wurde (Maurer et al., 2021). Durch fehlende Erfahrungen und Kompetenzen im Bereich von Online-Lerntherapie entstanden bei den lerntherapeutischen Kolleginnen und Kollegen an vielen Stellen Unsicherheiten, wie Kinder und Jugendliche trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin gut digital versorgt und erreicht werden können. In Kooperationsprojekten zwischen dem Fachverband für Integrative Lerntherapie (FiL), der Universität Hamburg und der Helmut-Schmidt-Universität wurde gezielt dieser Frage nachgegangen.

Zum einen wurde hierzu ein Workshop mit 25 Lerntherapeut*innen durchgeführt. Aus den Erfahrungen der Teilnehmenden entstand dabei eine Handreichung für die Praxis (Hülsmann, Hilkenmeier & Maurer, 2020), welche aus Hinweisen zu Voraussetzungen und Durchführung einer Online-Lerntherapie besteht und eine erste Material- und Spielesammlung beinhaltet. Zum anderen wurde eine Online-Befragung von 69 Lerntherapeut*innen durchgeführt (Maurer, Hilkenmeier, Becker, Löffler & Daseking, eingereicht.). Die Ergebnisse beider Projekte werden hier zusammenfassend dargestellt.

Voraussetzungen für digitale Settings: Technik, Datenschutz und Organisation

Als wesentliche und grundsätzliche Vorbedingungen für digitale Lerntherapie wurden die Aspekte Technik, Datenschutz und Organisation herausgestellt. Online-Lerntherapie erfordert auf beiden Seiten ausreichende Technik und eine stabile Internetverbindung. Ebenso sollten vorab mit den Erziehungsberechtigten Fragen zum Datenschutz geklärt werden.

Online-Lerntherapie erfordert zudem mehr Vorbereitungszeit und eine kleinschrittigere Planung. In der Planung bewusst berücksichtigt werden sollten (Bewegungs-)Pausen und kleinere, kürzere Lerneinheiten; Bewegungspausen und Spiele können in der Online-Therapie schlechter spontan und flexibel eingebaut werden. Bereits bekannte Rituale aus dem Präsenzsetting sollten auch in der digitalen Lerntherapie möglichst beibehalten werden. Mit Vorbereitungszeit verbunden, aber gut umsetzbar ist das Einscannen und Zuschicken von Arbeitsblättern, sowie das Durchführen von Automatisierungsübungen (z.B. Rechenoperationen, Rechtschreibregeln). Zusätzlich könnten digitale Tools (z.B. zur Materialerstellung, aber auch zur Diagnostik und Förderung) verwendet werden.

Herausforderungen und Chancen digitaler Settings

Herausfordernde Aspekte in der digitalen Lerntherapie sind teilweise fachspezifisch. So können graphomotorische Schwierigkeiten beim Schreiben schlechter erfasst und bearbeitet werden und in der Mathematik ist die Arbeit auf enaktiver Ebene erschwert, also das Erfassen von Inhalten über die Handlung.

Insgesamt ist aus diagnostischer Sicht die Beobachtung des Kindes im Aktionsraum schwierig, über eine Kamera sind nur Ausschnitte und keine ganzheitliche Beobachtung des Kindes möglich. Als hilfreich wurde dabei der Einsatz einer zweiten Kamera benannt sowie ein stärkeres Verbalisieren von Arbeitsschritten, bzw. ein verstärkter Fokus auf sprachliche Prozesse/ Versprachlichung von Aktionen (z.B. Rechenstrategien) auf beiden Seiten.

Ein Beziehungsaufbau wurde auf digitalem Wege als erschwert empfunden. Zwar sind Neuaufnahmen auch digital möglich, die lerntherapeutische Arbeit ist jedoch einfacher, wenn ein Kontakt vorab in Präsenz stattfinden konnte. Ebenso ist die wahrgenommene Flexibilität und Spontanität beim Methodenwechsel in der Online-Lerntherapie eingeschränkt. Dies könnte möglicherweise durch einen erweiterten Methodenkoffer (digitale Tools, digitales Lernmaterial, analoges Material aus dem eigenen Haushalt, Spiele und Übungen auf Distanz) sowie eine damit verbundene Handhabungssicherheit verbessert werden.

Ein Vorteil und damit auch eine Chance von digitaler Lerntherapie ist, dass auch Kinder erreicht werden, die (z. B. aufgrund von Vorerkrankungen) grundsätzlich in Präsenz schlechter erreicht werden können. Online-Lerntherapie ist herausfordernd mit Vorschulkindern, ängstlichen Kindern, Kindern mit massiven Motivationsproblemen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten oder motorischer Unruhe. Als hilfreich hierbei wurde der Einbezug des Elternhauses erlebt sowie die Rückmeldung und Reflexion auf einer Metaebene mit Kindern und Eltern.

Beim Umgang mit geringer Motivation, Aufmerksamkeit und Konzentration in der Online-Lerntherapie wurde eine vertrauensvolle Beziehung als hilfreich erlebt, eine klare Strukturierung und Organisation, kurze Einheiten mit Pausen und Methodenwechsel, Arbeit mit Verstärkern sowie die Auswahl individuell geeigneter Spiele, Aufgaben und Übungen.

Dass auf Distanz vermehrt Kommunikationsschwierigkeiten auftreten (durch fehlende Beobachtbarkeit von Gestik und Mimik, technische Probleme etc.) und damit verbunden der Aufbau einer Beziehung auf Distanz erschwert ist (nicht zuletzt durch das Fehlen körperlicher Nähe in herausfordernden Lernsituationen), kann möglicherweise auch durch ein erweitertes Methodenrepertoire oder eine verbesserte Technik nur schwer aufgelöst werden. Dieser Punkt führt zur Überlegung, dass Lerntherapie auf Distanz zwar für bestimmte Lernsituationen und Kinder eine geeignete Methode darstellt, jedoch Lerntherapie in Präsenz für bestimmte Lernsituationen und Kinder nicht ersetzen kann.

Fazit
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass zu Pandemiebeginn gerade in Bezug auf die Gestaltung von Beziehungsprozessen bei vielen Kolleg*innen Vorbehalte gegenüber digitalen Settings bestand. Die Ergebnisse des Workshops und der Onlinebefragung machen jedoch auch deutlich, dass ein digitales Lernsetting viel mehr möglich macht als zunächst gedacht. Eine Grundbedingung hierfür ist eine Fokussierung auf klare und sprachlich genaue Anweisungen und Ansagen, ein gegenseitiges Nachfragen und Rückversichern und das gemeinsame „Meistern“ einer technisch herausfordernden Situation.

Quellen
Hülsmann, M., Hilkenmeier, J. & Maurer, J. (2020). Handreichung Online-Lerntherapie. Handreichung für Mitglieder des Fachverbands für integrative Lerntherapie.
Maurer, J., Hilkenmeier, J., Becker, A. & Daseking, M. (2022). Digitale Lerntherapie: Neue Wege während der Corona-Pandemie. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 46, 160–178.
Maurer, J., Hilkenmeier, J., Becker, A., Löffler, L. & Daseking, M. (eingereicht). Chancen und Herausforderungen in der Lerntherapie auf Distanz. Eine qualitative Studie.

Über die Autorinnen


Maike Hülsmann (Bild links), Sonderpädagogin und integrative Lerntherapeutin, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema Prävention von Lernstörungen sowie Lerntherapie in der Schule. Leitete das Berliner Modellprojekt Legafinow- Lerntherapie in der Schule. Referentin und Autorin.

Johanna Hilkenmeier (Bild Mitte), Diplom-Psychologin und integrative Lerntherapeutin, forscht als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg zu den Themen Lerntherapie in der Schule, digitale Lerntherapie und Elterngespräche in der Lerntherapie. Koordiniert das Projekt „LetS-GO!“ (Integrative Lerntherapie in der Schule – Gemeinsam vor Ort!). Promovierte in der Pädagogischen Psychologie zum Thema Elterngespräche und Elternarbeit. Bietet außeruniversitäre Workshops zu Elterngesprächen und multidisziplinärer Kooperation an.

Jenny Maurer (Bild rechts) studierte Psychologie in Hamburg und Bremen und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Professur für Pädagogische Psychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Seit Beginn der Corona-Pandemie beschäftigt sie sich mit den Chancen und Herausforderungen des Lernens und Lehrens auf Distanz bei Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten.