Pädagogik und Psychologie

Intensivförderung bei LRS – Erfahrungen aus einem Würzburger Förder- und Forschungsprojekt

Prof. em. Erwin Breitenbach berichtet von einem Intensivförderprojekt aus der Schule, das durch ihn und seine Arbeitsgruppe wissenschaftlich evaluiert wurde.

(Hinweis: Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung eines Beitrags im Blog „Praxis Förderdiagnostik“)

Nachdem eine Vielzahl von Würzburger Grundschullehrkräften eine lerntherapeutische Ausbildung erfolgreich absolviert hatte, drängte sich den Organisatoren und Moderatoren der Ausbildungskurse die Frage nach dem Transfer in die Schule auf: Wie ließe sich nun diese besondere Expertise der Lehrkräfte nutzbringend und elegant in den schulischen Alltag integrieren? Wie könnten lese-rechtschreibschwache Kinder an Grundschulen in den Genuss einer gezielten Förderung durch diese spezialisierten Lehrkräfte kommen?

Die dazu entwickelte Förderidee nahm ihren Ausgangspunkt bei den durchweg positiven Erfahrungen rund um die LRS-Klassen in der DDR, die Leseklassen zum Beispiel in Mannheim sowie den Schulversuch zur LRS-Intensivförderung in Mecklenburg-Vorpommern in den 1990er Jahren. Die Analyse der Berichte und Veröffentlichungen zu diesen Maßnahmen ergab ein erstaunlich konsistentes Bild vom praktizierten Lehr-Lernarrangement: Die Gruppen bestanden aus maximal sechs Kindern. Die Förderzeit belief sich in der Regel auf 12 Wochen. Zur Förderung wurden evaluierte strukturierte und symptomorientierte Förder- und Trainingsprogramme eingesetzt. Die Schüler wurden von speziell im LRS-Bereich ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet. Exakt diese Rahmenbedingungen wurden in den letzten Jahren in Evaluations- und Metastudien als entscheidende Bestandteile einer effektiven schulischen Förderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern bestätigt.

Weithin ungeklärt war in diesem Zusammenhang aber noch die Rolle der sozio-emotionalen Faktoren. Einerseits verwiesen Studien übereinstimmend auf die zentrale Stellung des Leseselbstkonzepts beim Erwerb der Lesekompetenz. Das Selbstkonzept als Schüler galt als bedeutender Prädiktor für schulische Leistung schlechthin. Die Kinder, die sich für gute Leser oder überhaupt für gute Schüler hielten, lernten in der Folge mit besonders großem Erfolg in der Schule. Andererseits war bekannt, dass lese-rechtschreibschwache Kinder besonderen psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt waren mit negativen Folgen für Selbstwertgefühl und Lernmotivation. Sie hielten sich für dümmer als die anderen und trauten sich wenig zu beim Lernen.

Auf der Grundlage und unter Beachtung dieser Forschungs- und Erkenntnislage wurde ein Projekt zur Intensivförderung lese-rechtschreibschwacher Grundschulkinder in Würzburg konzipiert und durchgeführt. Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche sollten im Rahmen einer Intensivförderung die Gelegenheit erhalten, den Schriftspracherwerb noch einmal und mit möglichst wenigen Fehlern zu wiederholen. Durch die Bildung von gesonderten Fördergruppen sollten die Kinder ohne die als belastend empfundene Konkurrenz überlegener Mitschüler und ohne den Druck der Stoffbewältigung im Klassenunterricht arbeiten können.

Zur intensiven und kompakten Förderung wurden pro Gruppe fünf bis sechs lese-rechtschreibschwache Grundschulkinder aus der Stadt Würzburg für die Dauer von drei Monaten vom Besuch des Klassenunterrichts befreit – auf Hinweis der Lehrerinnen und Lehrer, mit dem Einverständnis der Eltern und nach einer eingehenden schulpsychologischen Untersuchung. Insgesamt nahmen 32 Kinder, verteilt auf 6 Gruppen, an der Studie teil. Sie wurden gemeinsam in einer neu eingerichteten Klasse intensiv jeden Tag in den Bereichen phonologische Bewusstheit, Phonem-Graphem-Korrespondenz, Silbenlesen, Segmentierung gefördert. Die Intensivförderung erstreckte sich während des Kurses über drei Stunden täglich und wurde von einer Lehrperson durchgeführt, welche lerntherapeutisch ausgebildet war.



Diese Förderung des Lesens und Rechtschreibens, die über 12 Wochen hinweg täglich drei Schulstunden umfasste, erzielte einen Umfang von insgesamt 180 Stunden à 45 Minuten. Diese Förderintensität wurde bis dato in keiner bekannten Studie zur Förderung lese-rechtschreibschwacher Kinder erreicht und konnte deshalb mit Recht als eine Intensivförderung bezeichnet werden. In weiteren zwei Stunden pro Tag wurden vor allem Inhalte aus dem Fach Mathematik, aber auch aus anderen Fächern laut vorliegendem Lehrplan von einer weiteren Lehrkraft unterrichtet. Nach der dreimonatigen Förderung in der Intensivklasse gingen alle Schüler wieder in ihre Ursprungsklassen zurück.
Die Evaluation der Intensivförderung erfolgte mittels eines Prä-Post-Vergleiches und entsprach einem für Evaluationsstudien üblichen Kontrollgruppendesign. Dabei durchlief jede Intensivklasse zunächst eine dreimonatige Wartezeit, in der sie als Kontrollgruppe fungierte. Nach der Wartezeit begann die dreimonatige Förderung, wobei die Intensivklasse nun zur Experimentalgruppe wurde. Auf diese Weise gelang eine optimale Parallelisierung von Experimental- und Kontrollgruppe, und ein Nichtfördern der lese-rechtschreibschwachen Kinder in der Kontrollgruppe, was ethisch nicht vertretbar wäre, wurde vermieden.



Die Kinder wurden vor Beginn der Wartezeit im Rahmen des Auswahlverfahrens (Messzeitpunkt 1), am Ende der Wartezeit und damit gleichzeitig auch zu Beginn der Förderzeit (Messzeitpunkt 2), am Ende des Intensivförderkurses (Messzeitpunkt 3) und sechs Monate nach Ende des Intensivförderkurses (Messzeitpunkt 4) mit mehreren Lese-Rechtschreibtests sowie mit Fragebögen zur Erfassung ausgewählter Bereiche der Schülerpersönlichkeit untersucht.
Fasst man die Untersuchungsergebnisse zusammen, so lassen sich folgende zentrale Erkenntnisse herausstellen:

  • Die Rechtschreibleistungen der teilnehmenden Kinder verbessern sich durch die Intensivförderung im Vergleich zur Wartezeit signifikant.

  • Diese verbesserten Rechtschreibleistungen bleiben über mindestens sechs Monate, während die Schüler wieder in ihrer Ursprungsklasse unterrichtet werden, stabil.

  • Die Leseleistungen bewegen sich zum Messzeitpunkt 1 im noch altersgemäßen Bereich und verbleiben dort während der gesamten Untersuchungszeit. Durch die Intensivförderung bewirkte Fördereffekte können hier nicht nachgewiesen werden.

  • Die teilnehmenden Kinder verlassen die Intensivförderkurse mit im Mittel altersgemäßen Lese- und Rechtschreibleistungen.

  • In den untersuchten Persönlichkeitsvariablen zeigen sich bei den teilnehmenden Kindern mit schwachen Lese- und Rechtschreibleistungen keine negativen Veränderungen. Die Werte sind altersgemäß und bleiben es während der gesamten Untersuchungszeit.

Das hier beschriebene Lehr-Lernarrangement stellt somit eine effektive Möglichkeit zur Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Schülern im Rahmen der Grundschule dar. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die Lese- und Rechtschreibkompetenzen am Ende des Intensivkurses bei der Mehrzahl der teilnehmenden Kinder altersgemäß sind und sich damit dem Durchschnitt der Regelklassen angenähert haben.

Des Weiteren scheint der frühe Interventionsbeginn zum Ende des 2. Schuljahres die oft beschriebenen und viel beklagten Beschädigungen des Selbstkonzepts bei Schülern mit Lese- und Rechtschreibproblemen zu verhindern und kann damit als wirksame Prävention für Störungen schulischen Lernens betrachtet werden.
Eine weitere Untersuchung (Widhopf-Wimmer 2016) bestätigte diese Ergebnisse im Wesentlichen.
Projektmitarbeiter, Eltern, Grundschullehrkräfte, Schulräte ‒ alle waren vom Projekt und seinen positiven Auswirkungen begeistert.

Literatur:

Breitenbach, E. (2012): Inklusive Intensivförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. In: Metzger, K. u. Weigl, E. (Hg.), Inklusion – praxisorientiert. Berlin 101‒111

Breitenbach, E. (2012): Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern in der Grundschule. In: Empirische Sonderpädagogik 4, 167‒182

Widhopf-Wimmer, A. (2016): Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern – eine geeignete Förderform in der Grundschule. München: Herbert Utz Verlag

Über den Autor:


Prof. Dr. Erwin Breitenbach lehrte Rehabilitationspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.