LRS in Englisch

Integrative Lerntherapie in Englisch nach einer Lerntherapie in Deutsch

Eine integrative Lerntherapie in Deutsch und in der Fremdsprache Englisch haben grundsätzlich ein gemeinsames Ziel: Bewusstsein über Aufbau und Struktur der Sprache und Bewusstsein über das eigene Vorgehen beim Lernen.

Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis
von Ewa Krippner-Junker, Lerntherapeutin im Duden Institut für Lerntherapie Berlin-Treptow

Eine integrative Lerntherapie in Deutsch und in der Fremdsprache Englisch haben grundsätzlich ein gemeinsames Ziel: Bewusstsein über Aufbau und Struktur der Sprache und Bewusstsein über das eigene Vorgehen beim Lernen. Am Ende sollte eine altersgerechte Lese- und Rechtschreibkompetenz erreicht sein. Das identische Ziel führt schließlich auch zu einem identischen Weg, der mit Lernfreude, Motivation und Selbstvertrauen gefüllt sein sollte.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede begreifen lernen

In der lerntherapeutischen Arbeit habe ich feststellen können, dass die Kinder von einer vorherigen Lerntherapie in Deutsch sehr profitieren können. Die bereits selbstständig entdeckten und eingeübten Regeln und Strukturen in der Mutter- bzw. Alltagssprache helfen den inzwischen versierten „Sprach- und Lerndetektiven“, in gleicher Weise auch in der Fremdsprache vorzugehen. Somit wird eine kontrastive Vorgehensweise sehr bedeutsam und effizient. Dabei gilt es die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Sprachen herauszuarbeiten. So stellt z. B. die Satzstellungsstruktur „Subjekt–Prädikat–Objekt“ in Aussagesätzen im Deutschen (z. B. „Peter isst einen Apfel.“) und Englischen (z. B. “Peter eats an apple.“) eine basale Gemeinsamkeit dar, die im ersten Schritt von den Kindern als einfach und praktikabel erlebt wird. An dieser Stelle kann also auch bereits vorhandenes Regelwissen im Deutschen abgerufen und wiederholt werden.

Im zweiten Schritt gilt es darüber hinaus, die Unterschiede und Auffälligkeiten im Englischen zu erarbeiten. In Bezug auf die Satzstellung wäre dies beispielsweise bei Erweiterung der Satzglieder um Orts- und Zeitangaben die unverdrossen fixe Satzstellung von „Subjekt– Prädikat– Objekt + Ort + Zeit“ (z. B. “Peter eats an apple in the kitchen in the morning.“). Im Verlauf wird dann die erweiterte Wortstellung im Fragesatz als prägnanter Unterschied sehr wichtig. Dabei wird die feste Satzgliedstruktur „Subjekt–Prädikat–Objekt“ um ein vorangestelltes Fragewort + Hilfsverb ergänzt (z. B. “Why does Peter eat an apple?“).

Im Deutschen hingegen bedingen unterschiedliche Fragesatztypen vor allen Dingen eine Veränderung der Verbstellung. So steht bei einer Entscheidungsfrage (z. B. „Isst Peter einen Apfel?“) das Verb an erster Stelle und bei einer Ergänzungsfrage (z. B. „Warum isst Peter einen Apfel?“) rückt es wie beim Aussagesatz wieder auf die zweite Position, wobei diesmal jedoch das Subjekt hinter dem Verb steht. Durch eine veränderte Betonung kann in einer Entscheidungsfrage sogar die Struktur eines Aussagesatzes komplett beibehalten werden (z. B. „Peter isst einen Apfel?“).

Vermeiden von Übergeneralisierungen

Das Bewusstmachen solcher sprachlicher Unterschiede ist gerade auch in Bezug auf das Vermeiden von „Übergeneralisierungen“ von großer Bedeutung. Bei diesem sprachdidaktischen Phänomen handelt es sich um die Verwendung von bereits bekannten allgemeinen Regeln oder Schlussfolgerungen in sämtlichen Kontexten ohne Beachtung eventuell vorhandener Ausnahmen oder Zusätze. Um im Beispiel zu bleiben, wäre dies die Übernahme der o. g. Satzstruktur eines Aussagesatzes in einen Fragesatz mit zusätzlichem muttersprachlichem Transfer, also: “Eats Peter an apple?“ statt “Does Peter eat an apple?“.

Hoher Stellenwert der Fremdsprache im Alltag

Als besonders auffällig erlebe ich in der Lerntherapie bei Englisch-Schwäche, dass gerade eine fehlerhafte Aussprache von den Kindern als sehr belastend empfunden wird. Englisch gilt gemeinhin als „coole“ Sprache, die auch in beliebten sozialen Netzwerken wie Facebook, WhatsApp oder Twitter eine große Rolle einnimmt. Insbesondere wollen englische Ausdrücke wie „swag“, Abkürzungen und Akronyme wie „lol“ (laughing out loud), „yolo“ (you only live once) oder „rofl“ (rolling on the floor laughing) verstanden, korrekt ausgesprochen und richtig verwendet werden können. Häufig gelten Fehler und sprachliche Defizite im Englischen als peinlich und unangenehm, da diese gerne auf ein sprachliches Versagen und gewisses „Uncoolsein“ bezogen werden. Zudem ist selbst jungen Kindern bereits bewusst, dass die Fremdsprache Englisch in Schule, Beruf und Alltag (digital und analog) einen besonderen Stellenwert einnimmt. Dabei entwickeln Kinder einen großen Ehrgeiz und eine hohe Motivation, möglichst schnell korrekt und fehlerfrei Englisch anzuwenden.

Eine integrative Lerntherapie bei Englisch-Schwäche setzt ebenso wie bei einer LRS in Deutsch genau an diesen neuralgischen Punkten an und kann schließlich zu einem positiven und gestärkten Selbstbild des Kindes beitragen, sodass der Schüler/die Schülerin eine „coole“ Fremdsprache wieder mit Freude anwendet.