Pädagogik und Psychologie
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Gemeinsam Erfolge ermöglichen – und erlebbar machen!

Dr. Lorenz Huck, Duden Institute für Lerntherapie

Die Untersuchungen der Duden Institute (siehe PuLs-Studie) zeigen, dass Kinder mit einer Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche sehr häufig auch unter anderen Belastungen zu leiden haben: Sie klagen z. B. über Kopf- oder Bauchschmerzen, für die sich keine medizinische Erklärung findet, sie schlafen schlecht, sie sorgen sich wegen der nächsten Arbeit, haben Angst vor der Zukunft, resignieren oder werten sich selbst ab: „Ich bin nun mal zu dumm für Mathe. Das konnte ich noch nie.“

Ursache dafür ist in vielen Fällen ein Teufelskreislauf aus Lernschwierigkeiten, schwachen Leistungen, regelmäßigen Misserfolgserlebnissen in Schule und Alltag, Verlust von Selbstvertrauen und Vermeidung von Situationen, in denen gelernt werden könnte (Abb. 1).


Abb. 1: Teufelskreislauf Lernschwierigkeiten

Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, müssen Lerntherapeutinnen/-therapeuten und Lehrer/-innen nach Wegen suchen, für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechenschwäche Erfolge zu organisieren – und diese Erfolge erlebbar zu machen.

Wie das in der Praxis aussehen kann, soll durch zwei Beispiele veranschaulicht werden. Das erste zeigt aus meiner Sicht, dass in der alltäglichen Zusammenarbeit, auch ohne das Schulrecht und den Nachteilsausgleich zu bemühen, vieles zu erreichen ist. Das zweite Beispiel zeigt, wie schulrechtliche Spielräume zum Wohl eines Kindes ausgeschöpft werden können.

Iwan – Zusammenarbeit ohne Nachteilsausgleich

Der Sechstklässler Iwan hat nach eineinhalb Jahren Lerntherapie im Fach Deutsch schon viele Strategien und Kenntnisse erworben. Für ihn geht es jetzt mehr und mehr darum, das Gelernte auch in Schule und Alltag umzusetzen. Mit seinem Deutschlehrer, Herrn Krause, berate ich daher, wie wir es schaffen können, dass Iwan auch in der Schule Erfolgserlebnisse sammeln kann. Herr Krause schlägt vor: „Iwan könnte sich z. B. noch besser auf unsere kleinen Diktate vorbereiten. Ich gebe die Texte vorher heraus und nehme nur kleine Änderungen vor.“

Ein näherer Blick auf die Texte zeigt: Das Wortmaterial ist so gewählt, dass Iwan damit zurechtkommen kann! Natürlich kann es in der Lerntherapie nicht darum gehen, einen vorgegebenen Text auswendig zu lernen. Es ist aber durchaus sinnvoll, in der Lerntherapie erworbene Rechtschreib- und Einprägestrategien auf die schulische Aufgabe anzuwenden. Konkret klärt Iwan mit etwas Hilfe folgende Fragen:

  • Kenne ich die Bedeutung aller Wörter im Text?
  • Welche Wörter sind schwer zu schreiben?
  • Welche Besonderheiten machen diese Wörter schwer?
  • Welche Lösungshilfen kenne ich schon?

Ihm wird dadurch bewusst, dass es im Diktat im Schwerpunkt um den langen /i/-Laut („ie“, „i“, „ih“ oder „ieh“) und die unterschiedlichen /s/-Laute („s“, „ß“ oder „ss“) geht und dass er die damit zusammenhängenden Probleme bereits zum großen Teil lösen kann. Nur eine relativ kleine Zahl von Merkwörtern bleibt übrig, mit denen sich Iwan selbstständig weiter beschäftigt (Abb. 2).


Abb. 2: Iwan prüft, mit welchen Wörtern er bereits zurechtkommt

Wenige Tage nach dem Diktat berichtet mir Herr Krause in einer kurzen Nachricht das erfreuliche Ergebnis: Statt zuvor 31 hat Iwan nur noch 19 Fehler gemacht. Nun geht es darum, diesen Erfolg erlebbar zu machen. Ich schlage Herrn Krause vor, dazu eine kleine Zeichnung zu nutzen (Abb. 3). Iwan freut sich und bringt die Rückmeldung stolz in die nächste Lerntherapiestunde mit. Er meint: „Das ist doch für dich auch schön, Herr Huck, wenn du merkst, das was ankommt.“


Abb. 3: Iwans Lernerfolg wird in einer einfachen Zeichnung visualisiert.

Björn – Zusammenarbeit bei der Gestaltung des Nachteilsausgleichs

Der Übergang aufs Gymnasium ist für Björn (13, LRS) nicht optimal verlaufen: Ende der 7. Klasse drohen in einigen Fächern „mangelhafte“ Zensuren, zudem gilt er als „unkonzentriert“ und als „Clown“. Das liegt u. a. daran, dass der vereinbarte Nachteilsausgleich noch nicht optimal gestaltet ist. Beispielsweise ist Björn gegen Ende einer Klassenarbeit regelmäßig bereits so erschöpft und unkonzentriert, dass er die verlängerte Bearbeitungszeit, die ihm zugestanden wird, nicht mehr richtig nutzen kann.

Es kommt zu einer Vereinbarung: In der 8. Klasse wird der Nachteilsausgleich gleich zu Beginn detailliert geregelt. Die Eltern und einige Lehrerinnen und Lehrer erarbeiten in einem ausführlichen Gespräch einen Maßnahmenkatalog. Als Björns Lerntherapeut bin ich ebenfalls dabei, mache wenige eigene Vorschläge und bin im Übrigen beeindruckt von den guten Ideen der anderen Beteiligten:
  • "Sprachliche Richtigkeit“ wird weiter zurückhaltend bewertet.
  • Ein Teil der schriftlichen Klassenarbeiten wird durch mündliche Fragen ersetzt.
  • Statt Verlängerung der Arbeitszeit wird das Aufgabenmaterial reduziert.
  • Arbeitsaufträge werden durch größere Schrift, großzügiges Layout sowie klare Formulierungen möglichst lesbar gestaltet.
  • Im Ethikunterricht wird die Thematik Nachteilsausgleich auf allgemeiner Ebene aufgegriffen: „Gleiches wird gleich, Ungleiches ungleich behandelt.“
  • Auch an Björn werden klare Erwartungen zu Hausaufgaben, Unterrichtsstörungen und ähnliche Themen formuliert.

Im Zusammenspiel mit weiteren glücklichen Umständen zeigen diese Maßnahmen Erfolg: Da er wieder das Gefühl hat, eine Chance zu haben, bemüht Björn sich stärker. Er erreicht gleich in der ersten mündlichen Leistungsbeurteilung eine „gute“ Zensur und traut sich auch in den schriftlichen Arbeiten wieder an Aufgaben heran, die er zuletzt gar nicht mehr bearbeitet hatte. So werden „ausreichende“ Zensuren möglich. Insgesamt arbeitet er häufiger und konzentrierter mit. Mitte des Schuljahres beschreibt seine Lehrerin in einer E-Mail eine „Spirale aus mehr Erfolg, mehr Motivation, weniger Ablenkung, mehr Verstehen“ (Abb. 4) – sein Verbleib auf dem Gymnasium steht nicht mehr in Frage.

Aus dem eingangs beschriebenen Teufelskreis ist durch die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten ein „Engelskreis“ geworden (s. Abb. 4). Nun gilt es, diesen gemeinsam am Laufen zu halten …


Abb. 4: Engelskreis Lernen

Weitere Informationen:
Alternativen zum Nachteilsausgleich
Pädagogik und Psychologie | 16.05.2018

„Ich glaube, so eine Präsentation kann ich schon schaffen ...“