Lernen zu Hause

Können Apps eine gute Hilfe beim Mathematiklernen sein?

Reinhard Raake stellt vor, welche Apps sich für Kinder mit Rechenschwäche besonders zum Mathematiklernen eignen und welche lieber gemieden werden sollten.

Viele Eltern fragen sich, inwiefern sie Apps für die spielerische Unterstützung des Lernens ihrer Kinder nutzen können.

Zum Lernen eines mathematischen Sachverhalts gehören verschiedene Phasen, die ineinandergreifen und hier nur stichpunktartig aufgeführt werden:

  1. Erforschen, Beispiele untersuchen, Nachmachen, Ausprobieren, Reflektieren, Diskutieren, Fehlermachen, Vorstellungen entwickeln

  2. Üben, Festigen, Fertigkeiten entwickeln, Automatisieren

  3. Gelerntes in Sachsituationen kreativ anwenden, um Probleme zu lösen

Apps lassen sich gut für die Phase 2 einsetzen und ermöglichen den Kindern auch, schon allein zu üben. Es ist dabei von Vorteil, wenn der Lernerfolg in der App dokumentiert und gespeichert wird und wenn das Kind außerdem dazu animiert wird, das Gelernte einem/einer Lernpartner/-in vorzuführen. Grund: Die Auswahl an Apps zum Mathematiklernen ist nahezu unbegrenzt. Anhand der folgenden Beispiele aus verschiedenen Teilbereichen möchte ich die Chancen und Risiken für Kinder mit Lernschwierigkeiten aufzeigen.

Praxisbeispiel: Einmaleins
Stellen wir uns vor, die 7er-Malfolge soll geübt werden. Lisa darf Mamas Handy benutzen und verwendet zum Üben eine App wie „ANTON“. Nach dem ersten Durchgang hat sie viele Aufgaben richtig gelöst. Die App gibt ihr eine ermunternde Rückmeldung. „Das geht besser!“, denkt sich Lisa. Sie „spielt“ die nächste Übungsrunde und hat bereits mehr Aufgabensätze bewältigt. Runde um Runde wird sie sicherer. Schließlich lässt sie die Malfolge von Mama abfragen und holt sich ein dickes Lob ab. ‒ Das Beispiel zeigt, dass eine App beim Üben motivierend sein kann.

Praxisbeispiel: Analoge Uhr
Eltern setzen oft die Hoffnung in eine App, um die Uhrzeiten zu üben, und animieren das Kind immer wieder zum „Spielen“. Für Kinder, denen das Mathematiklernen schwerfällt, kann es sein, dass die in der Werbung versprochene Freude am „spielerischen Entdecken der Uhr“ nicht eintritt. Die Anforderungen und das Konzept der App passen nicht zum Lernstand des Kindes.

Eine App hat z. B. das Ziel, Kinder dabei zu unterstützen, ein Verständnis für Tageszeiten zu entwickeln. Dafür sollen in einer Übung drei Bildkarten mit Darstellungen zu typischen Aktivitäten (Schlafen, Essen, Spielen usw.) und Uhrzeitbildern in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Das Kind schlägt eine Lösung vor. Die App meldet rot zurück: dreimal falsch. Gut, dass ich in der Lerntherapie dabei war und wir darüber sprechen konnten. Das Kind schilderte mir seine Beweggründe für die Sortierung und die waren für mich plausibel ‒ auf den abgebildeten Uhren war nicht erkennbar, ob es sich um die Vormittags- oder Nachmittagszeit handeln sollte, und die abgebildeten Tätigkeiten erlaubten auch keine eindeutige Zuordnung. Eine App ist also selten so flexibel, mehrere Lösungen und vor allem individuelle Ideen berücksichtigen zu können.

Die App „Dschungel-Zeit“ lässt sich gut für das Berechnen von Zeitintervallen nutzen. Es werden auf zwei Uhren Zeiten angezeigt und eine Frage zu der verstrichenen Zeit gestellt. Ein Vorteil bei der Nutzung einer solchen App ist, dass sie die Aufgabe stellt und ich in dieser Hinsicht keinen Wissensvorsprung vor dem Kind habe. Außerdem motiviert die Darstellung solcher Uhren viele Kinder mehr, als es mit der Nutzung von Lernuhrmodellen gelingt. Auch motiviert die App zu einer minutengenauen Lösung. Die App kann in der Erarbeitungsphase nicht den/die Lernbegleiter/-in ersetzen und kann keine Diskussion über eine passende Strategie führen oder Lösungsvorschläge der Lernenden aufgreifen.



Abb. 1: Anstelle von Lernuhren motiviert diese Variante viele Kinder, zu finden in der App „Dschungel-Zeit“.

Praxisbeispiel: Hundertertafel
Mit der App „Bibi Blocksberg ‒ Mathehexerei“ können Kinder Ausschnitte aus der 100er-Tafel ausfüllen. In einem weiteren Beitrag dieses Newsletters von Teresa Milia wird ausgeführt, weshalb diese Übungen zur Orientierung im Zahlenraum hilfreich sind. Haben die Kinder die Anordnung der Zahlen bis 100 in der 100er-Tafel schon gut erfasst und finden sich sicher darin zurecht, können fehlende Zahlen in Teilbereichen der Tafel ermittelt werden. Das schaffen auch Kinder mit Schwierigkeiten beim Mathematiklernen selbstständig. Der Schwierigkeitsgrad der aufeinanderfolgenden Übungen passt sich automatisch dem Lernerfolg an.



Abb. 2: 100er-Feld in der App „Bibi Blocksberg ‒ Mathehexerei“

Fazit
Es gibt einige schön gestaltete Apps, die das erfolgreiche Lernen unterstützen können. Es ist aber immer ratsam, dass ein/eine Lernbegleiter/-in die App mit dem Kind zusammen anschaut und der Zweck gemeinsam bestimmt wird.

Über den Autor



Reinhard Raake ist wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Mathematik des Duden Instituts für Lerntherapie Berlin-Mitte