Lese-Rechtschreib-Schwäche
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Förderung der Lesekompetenz mit Methoden des selbstregulierten Lernens im Deutschunterricht

Nadine SpörerFragen an Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam

Professorin Spörer, was beinhaltet eine gute Lesekompetenz und welche didaktischen Methoden eignen sich, um diese zu erwerben?

Spörer: Nachdem Schulanfänger zunächst lernen zu lesen, wird in der späteren Grundschulzeit die Grundlage dafür gelegt, dass Heranwachsende lesen, um zu lernen. Das verstehende und motivierte Lesen angemessen zu fördern wird somit zu einem wichtigen fächerverbindenden Ziel von Schule. Kompetentes Lesen umfasst nicht nur das mühelose, flüssige Lesen von Sätzen, sondern auch das Verstehen des Gelesenen. Heranwachsende benötigen hierfür oftmals Lesestrategien. Bei der Vermittlung von Lesestrategien als Schlüssel zum Leseverständnis haben sich Methoden des selbstregulierten Lernens bewährt.

Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Spörer: Der Begriff der Selbstregulation beschreibt, dass Lernende entscheiden, ob, was, wann, wie und woraufhin sie lernen. Kinder und Jugendliche lernen selbstreguliert, wenn sie sich eigene Lernziele setzen, Lernstrategien auswählen, die zur gestellten Aufgabe passen, Lernfortschritte überwachen und schließlich reflektieren, ob ihre Lernhandlungen zum gewünschten Ziel geführt haben. Mittlerweile konnten viele Studien zeigen, dass die Nutzung von Lernstrategien sowie ein planvolles und reflektiertes Lernen mit guten schulischen Leistungen einhergehen. Doch diese anspruchsvolle Art des Lernens nutzen Heranwachsende nicht spontan; sie benötigen vielmehr eine gute Anleitung und positive Rollenvorbilder. Gerade für Kinder mit Lernschwierigkeiten gilt: Angeleitete und vorstrukturierte Lerngelegenheiten sind eine wichtige Basis für späteres selbstreguliertes und somit selbstbestimmtes Handeln.

Welche Lesestrategien sind zur Förderung der Lesekompetenz besonders relevant?

Spörer: Fasst man die Erkenntnisse der Leseforschung zusammen, so lassen sich die folgende Elemente kompetenten Lesens identifizieren:


  1. Gute Leser beseitigen Unklarheiten, indem sie die Bedeutung unbekannter Wörter und schwieriger Textpassagen klären.
  2. Sie stellen eigene Fragen zum Text, um das Gelesene besser zu verstehen und sich selbst zu kontrollieren.
  3. Sie fassen Textabschnitte in eigenen Worten zusammen.
  4. Sie treffen Vorhersagen, um den Sinn des bisher Gelesenen auf nachfolgende Textpassagen anzuwenden.

Damit Kinder und Jugendliche Sicherheit und Selbstständigkeit in der Nutzung der Lesestrategien erlangen können, sollten diese schrittweise erklärt werden und es sollte systematisch Gelegenheit zur Einübung der Strategien geben.

Wie werden Lesestrategien mit Methoden des selbstregulierten Lernens im Deutschunterricht vermittelt?

Spörer: Um die Lesekompetenz durch die Vermittlung von Lesestrategien zu verbessern und das selbstregulierte Lernen im Unterricht zu fördern, haben wir das Lesetraining mit „Käpt’n Carlo“ für die Jahrgangsstufen 4–5 entwickelt. Zunächst lernen die Kinder die Rahmenhandlung um Käpt’n Carlo kennen, der die Klasse durch die gesamte Unterrichtseinheit begleitet. Zudem werden alle Kinder mit den vier Lesestrategien Klären, Fragen, Zusammenfassen und Vorhersagen vertraut gemacht. Den Gebrauch der Strategien üben die Schülerinnen und Schüler in festen Kleingruppen, in denen sie bestimmte Rollen übernehmen. Dabei hilft ihnen ein Logbuch, in dem alle wesentlichen Aufgaben notiert sind. Der sogenannte Gruppenkapitän, der von Abschnitt zu Abschnitt wechselt, fordert ein Gruppenmitglied auf, den Textabschnitt laut vorzulesen, und legt fest, wer welche Strategie anwendet. Außerdem gibt der Kapitän eine Rückmeldung zur Strategieanwendung und verbessert ggf. die Antwort mit Hilfe der Gruppe. Auf diese Weise beobachten die Mitglieder einer Gruppe das Lernen der anderen. Ebenso führt jeder Schüler ein Lesetagebuch, das dabei hilft, das Lesen zu planen und den Lernfortschritt zu reflektieren.

In den letzten Minuten einer Unterrichtsstunde lösen die Kinder individuell ein zum Text passendes Quiz und schreiben ihre Ergebnisse in das Lesetagebuch. Gemeinsam reflektiert die Klasse, warum jemand sein Ziel erreicht hat (oder warum nicht). Damit die Gruppen immer selbstständiger arbeiten und die Strategien verinnerlichen, werden die Hilfen wie das Logbuch Schritt für Schritt ausgeblendet. Auf diese Weise ist das selbstregulierte Lernen nicht nur eine Lernmethode, es wird vielmehr selbst zum Ziel der Unterrichtseinheit.

Eignet sich diese Methode auch für die Förderung von Kindern mit Leseschwächen?

Spörer: Unsere Untersuchungen zeigen, dass das Leseverständnis der Viert- und Fünftklässler mit dieser Methode nachhaltig gefördert werden kann und sowohl lesestärkere als auch leseschwächere Kinder von dieser Form des gemeinsamen Lernens profitieren. Lehrkräfte beider Jahrgangsstufen schätzen die einzelnen Unterrichtsstunden als gut durchführbar ein. Schließlich lässt sich das Training sinnvoll mit anderen Fächern kombinieren: Während im Deutschunterricht der grundlegende Ablauf vermittelt und eingeübt wird, kann im Anschluss daran das gemeinsame Lesen auch zum Verstehen von Texten z. B. im Sachunterricht genutzt werden.

Lese-Rechtschreib-Schwäche | 14.09.2017

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