1. In welchem Alter kann eine Rechenschwäche festgestellt werden?
Da unter Rechenschwäche andauernde und verfestigte Schwierigkeiten beim Mathematiklernen verstanden werden, ist eine Einschätzung dazu etwa im Verlauf des zweiten Schuljahrs möglich. Dafür nutzen Lehrpersonen an Schulen Lernstandsanalysen und die diagnostische Beobachtung. In schulpsychologischen sowie kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen werden zudem geeignete standardisierte Tests genutzt. Mit solchen Tests können Rückstände in der Entwicklung des Zahlbegriffs auch bei jüngeren Kindern überprüft werden. Sie liefern Hinweise darauf, welche Kinder in ihren Lernprozessen besonders beobachtet und unterstützt werden müssen.
Eine frühe präventive Unterstützung von Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten in den mathematischen Vorläuferfähigkeiten wird immer wieder empfohlen. Diese sollte jedoch in erster Linie in den Händen der Schule liegen bzw. mit der engen Begleitung der Schule gestaltet werden, um Irritationen für das Kind durch verschiedene Vorgehensweisen oder Darstellungsmaterialien zu vermeiden (Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, 2021). Wird z. B. in einer 1. Klasse mit einer Zehnertafel und Plättchen gearbeitet, sollten bei einer Förderung eines Kindes dieser Klasse ebenfalls diese Materialien verwendet werden. Zu den Qualitätsmerkmalen einer wirksamen außerschulischen Förderung gehört eine enge Abstimmung mit den Lehrkräften, die für jüngere Schüler/-innen meist noch enger/intensiver gestaltet werden muss als bei älteren Lernenden.
2. Bedeutet zählendes Rechnen, dass eine Rechenschwäche vorliegt?
Unter der Bezeichnung „zählendes Rechnen“ verbergen sich verschiedene Vorgehensweisen. Beispielsweise kann beobachtet werden, dass ein Kind eine Rechnung wie 5 + 4 löst, indem es 6, 7, 8, 9 weiterzählt und die Finger nutzt, um zu prüfen, wie viele Zählschritte bereits absolviert wurden. Um dieses Vorgehen zu bewerten, muss das Alter der Kinder beachtet werden: Für ein sehr junges Schulkind wird es als altersgerecht eingeordnet, für ein Kind in der 3. Klasse gilt es als Hinweis darauf, dass weitere Diagnostik einbezogen werden sollte, um zu beurteilen, ob eine Rechenschwäche vorliegt.
Zählendes Rechnen liegt auch vor, wenn ein Kind auf die Frage „Wie viel ist 3 mal 7?“ antwortet: „7, 14, 21 … – diese Aufgabe kann ich mir so schwer einprägen.“ Hier wird gezählt, jedoch in größeren Einheiten. Die Anmerkung zur Schwierigkeit mit dieser Aufgabe deutet jedoch darauf hin, dass viele andere Aufgaben des kleinen Einmaleins bereits abrufbar sind. Auch dieses Beispiel muss in Abhängigkeit der Alters- bzw. Klassenstufe eingeordnet werden.
In der Bezeichnung „zählendes Rechnen“ schwingt mit, dass es sich um ein problematisches Vorgehen handelt. Möglichweise stellt sich heraus, dass ein Kind bei vielen Rechnungen bereits andere Lösungsverfahren nutzt. Diagnostisch muss daher beobachtet werden, wie tragfähig die genutzten Strategien im Hinblick auf das Rechnen mit größeren Zahlen sind, wie ressourcenbindend sie hinsichtlich des Zeit- und Konzentrationsbedarfs sind und wie fehleranfällig das Vorgehen ist. Vorgehensweisen, die dauerhaft auf dem Zählen in Einerschritten beruhen, stellen ein erhebliches Risiko für gravierende Lernschwierigkeiten dar. Es bedarf jedoch einer umfassenden Diagnose, die Prototypen verschiedener Rechenanforderungen einbezieht, um einzuschätzen, wie tragfähig die Strategien eines Kindes sind.
3. Brauchen Kinder mit Lernschwierigkeiten besondere Übungen und Materialien?
Kinder mit Lernschwierigkeiten zeigen „Fehler“, wie sie bei jüngeren Kindern ebenfalls häufig im Lernprozess zu beobachten sind. Fehler oder missverstandene Vorgehensweisen bieten ein „Fenster für den Lernstand“ und wertvolle Hinweise für die Gestaltung der Lernprozesse. Die fachliche Unterstützung von Kindern muss an deren Entwicklungsstand anknüpfen.
Dafür genutzte Übungen unterscheiden sich grundsätzlich nicht von denen, die typischerweise im Unterricht eingesetzt werden. Was sich unterscheidet, ist die individualisierte Herangehensweise und oft auch die Dauer, in der die Kinder eine Übungssequenz bearbeiten. In einer integrativen Lerntherapie werden zudem in einem geschützten, sicheren Rahmen Methoden genutzt, die Lernende ermutigen, sich wieder mit mathematischen Fragestellungen zu befassen.
Das „Besondere“ in der Förderung liegt zudem in einer konsequenten und fachlich begründeten Schwerpunktsetzung. Nicht jeder Inhalt des Schulunterrichts kann sinnvoll in einer wirksamen Förderung untergebracht werden. Gewarnt oder relativiert werden müssen Versprechungen zu Methoden und Materialien, die vermeintlich alle Schwierigkeiten lösen können. Ziele und Schwerpunkte des Rechnen- bzw. Mathematiklernens sind zu vielfältig, als dass ein Material ihnen gerecht werden könnte.
4. Verlieren Lernschwierigkeiten mit den Grundrechenoperationen in höheren Schulklassen ihre Brisanz?
Leider kaum. Zu den Verstehensgrundlagen für das Lernen in der Sekundarstufe I gehören im arithmetischen Bereich das Verständnis für Zahlen (z. B. Aufbau des Stellenwertsystems oder Orientierung auf dem Zahlenstrahl), das Verständnis für Rechenoperationen (Grundvorstellungen zu den Grundrechenarten, Umgang mit basalen Textaufgaben) sowie automatisierte Fertigkeiten im Umgang mit Zahlen wie Zahlzerlegungen (Prediger 2013). Die genannten Punkte gehören meist zu den betroffenen Kernbereichen, die Kinder mit Lernschwierigkeiten im Rahmen der Förderung aufarbeiten müssen, um den Anschluss zu Inhalten der höheren Klassenstufen zu erlangen.
Die Überlegungen, dass etwa ab Klasse 7 ein Taschenrechner genutzt werden kann oder mathematische Fragestellungen mit Formeln und festen Lösungsverfahren bearbeitet werden, bilden nur einen kleinen Ausschnitt dessen ab, was mathematisches Tun ausmacht. Beispiel: Ein Verständnis der Grundrechenoperationen muss in den ersten vier Schuljahren zunächst für natürliche Zahlen erlangt werden, damit Lernende in späteren Schuljahren den Sinn und die Struktur einer Gleichung wie 3x + 5 = 5x – 7 durchdringen können. Dabei kann ein Taschenrechner nicht helfen. Andere digitale Hilfsmittel – etwa Apps oder KI-gestützte Angebote – sind zwar in der Lage, solch eine Gleichung zu lösen und sogar eine Erklärung anzubieten. Diese laufen jedoch ins Leere oder wirken nur kurzfristig, wenn den Lernenden die Grundlagen fehlen. Eine Förderung von Lernenden der Sekundarstufe(n) sollte daher – ebenso wie die der jüngeren Kinder – stets an ihrem jeweiligen Entwicklungsstand anknüpfen.
5. Warum hat ein Kind eine Rechenschwäche und kann es diese überwinden?
Der erste Teil der Frage kann nicht gut beantwortet werden – oder eher nur dahingehend, dass man sich mit der Frage nach dem „Warum“ nicht aufhalten sollte. Entwicklungsverläufe von Menschen sind sehr verschieden und durch vielerlei Einflüsse geprägt. Beispielsweise können körperliche Entwicklungsbesonderheiten die Entwicklung kognitiver Lernvoraussetzungen beeinflussen – oder auch nicht. Viele Anregungen in der Familie zum Umgang mit Zahlen und Anzahlen sowie Anregungen zum Bauen und Basteln wirken positiv – das verhindert jedoch nicht immer, dass Lernschwierigkeiten auftreten. Weiterhin sind auch die Gegebenheiten in schulisch und vorschulisch organisierten Lernumgebungen sehr verschieden. Ein Teil einer Kindergruppe profitiert z. B. von der Nutzung einer Rechenkette gut, einige Kinder können sie jedoch (noch) nicht für die gewünschten Erkenntnisse nutzen.
Der zweite Teil der Frage lässt sich zwar nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten, richtet jedoch den Blick nach vorn. Individuelle passgenaue Förderung, z. B. in der Lerntherapie, ist nachgewiesen wirksam und strebt an, mathematische Grundlagen zu entwickeln. Dieses Ziel kann in der Regel erreicht werden. Viele Lernende gewinnen positive Erfahrungen, fühlen sich den Anforderungen nicht mehr ohnmächtig gegenüber und nehmen nach ihren Möglichkeiten im Laufe der Förderung wieder am schulischen Unterricht und Alltag teil. Was es jedoch heißt, eine „Rechenschwäche zu überwinden“, hängt erneut von individuellen Erwartungen ab. Ein standardisierter Rechentest zeigt möglicherweise weiterhin, dass eine Person mathematischen Anforderungen unterdurchschnittlich gerecht wird, individuell zeigen sich jedoch viele Entwicklungsschritte und ehemaliger Leidensdruck ist vielfach überwunden.
Autorin:

Jana Köppen arbeitet als Leiterin des Fachbereichs Mathematik an den Duden Instituten für Lerntherapie
Literatur:
Gaidoschik, M., Moser Opitz, E., Nührenbörger, M., & Rathgeb-Schnierer, E. (2021). Besondere Schwierigkeiten beim Mathematiklernen. Mitteilungen der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik, 111, Sonderheft
https://ojs.didaktik-der-mathematik.de/index.php/mgdm/issue/view/46
Prediger, S., Freesemann, O., Moser Opitz, E., Hußmann, S. (2013). Unverzichtbare Verstehensgrundlagen statt kurzfristiger Reparatur – Förderung bei mathematischen Lernschwierigkeiten in Klasse 5. Praxis Mathematik in der Schule, 55, 12–17