Erfolgsgeschichten

„Es ziehen alle an einem Strang“

Im Land Berlin bestand ab dem Sommer 2021 die Möglichkeit, im Rahmen des „Stark trotz Corona“-Programms eine Kleingruppenförderung mit lerntherapeutischem Fokus in Schulen anzubieten. Ein Erfahrungsbericht.


Anna Muth (links), Lehrerin an der Grundschule am Barbarossaplatz in Berlin-Schöneberg und Patricia Purat (rechts), wissenschaftliche Leiterin des Duden Instituts für Lerntherapie in Berlin-Treptow, berichten im Interview von ihren Erfahrungen.

Wie war die Ausgangslage? Was waren die Ziele der Zusammenarbeit?

Anna Muth: Durch die Aussetzung des Präsenzunterrichts während der Corona-Pandemie hatten sich die Lern- und Lebenssituationen von Schülerinnen und Schülern und ihren Familien stark verändert. Dabei konnte die Förderung für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten nicht wie zuvor aufrechterhalten werden. Die Schwierigkeiten waren dadurch immer noch vorhanden; manche dieser Schülerinnen und Schüler haben noch größere Lernrückstände entwickelt.
Durch das vom Land Berlin finanzierte Programm “Stark trotz Corona” konnten wir Kontakt mit außerschulischen Anbietern wie den Duden Instituten für Lerntherapie aufnehmen und für diese Gruppe von Kindern eine Kleingruppenförderung mit lerntherapeutischem Fokus direkt bei uns in der Schule anbieten.

Unser langfristiges Ziel ist es, eine feste Kooperation mit den Duden Instituten aufzubauen, um integrative Lerntherapien als Einzeltherapie direkt an der Schule anbieten zu können. Dies hätte für die Kinder, ihre Familien und die Lehrkräfte viele Vorteile. Die Familien wären organisatorisch stark entlastet, da die Kinder im Laufe des Tages vor Ort die LRS-Förderung erhielten und nicht nach der Nachmittagsbetreuung noch eine Lerntherapie aufsuchen müssten.

Hinzu kommt, dass sich die Verzahnung von Schule und Lerntherapie bzw. Lehrkraft und Lerntherapeut/-in sehr positiv auf die Förderung auswirkt. Ich bin überzeugt davon, dass das Konzept viele Vorteile mit sich bringt und die Zukunft aller Schulen sein sollte.
Es braucht jedoch Zeit, um diese Kooperation aufzubauen. Einen Teil der Zeit konnten wir gut überbrücken, da die Duden Institute Förderungen in Kleingruppen im Rahmen des Programms „Stark trotz Corona“ durchführen konnten. Dadurch bestand die Möglichkeit, Kinder mit Lernrückständen möglichst schnell zu unterstützen.

Wie sah die Zusammenarbeit mit der Schule konkret aus?

Patricia Purat: Im März 2022 erhielten wir die Anfrage der Grundschule am Barbarossaplatz in Berlin-Schöneberg, ob wir im Rahmen des „Stark trotz Corona“-Programms eine Lese-Rechtschreib-Förderung in Kleingruppen direkt an der Schule durchführen könnten. Nach sehr positiven Gesprächen mit Frau Muth und dem Schulleiter Herrn Riechert nahmen wir das Projekt in Angriff.
Vorab wurden seitens der Schule die Kinder aus den Klassen 3, 4 und 5 ausgewählt, die an der Förderung teilnehmen durften. Dies geschah auf der Grundlage der Ergebnisse eines standardisierten Rechtschreibtests sowie weiterer Einschätzungen durch die Lehrkräfte.
So betreute ich von Mitte April bis zu den Sommerferien immer dienstags sechs Kleingruppen von 8.00 – 13.30 Uhr in der Grundschule am Barbarossaplatz. Dabei konnte ich viele Übungen aus der Lerntherapie nutzen.

Was waren die Inhalte der Förderung?
Patricia Purat: Bei den jüngeren Kindern stand vor allem die Arbeit mit Silben, Selbstlauten, die Großschreibung, das i und das ie sowie die Erarbeitung von Lesestrategien im Vordergrund. Bei den älteren Kindern lag der Fokus auf der Arbeit mit Wortbausteinen (Abb. 1) und ebenfalls auf dem Erarbeiten von Lesestrategien.


Abb 1.: Durch die Arbeit mit Wortbausteinen wird die Struktur von Wörtern verdeutlicht.

Zu Beginn jeder Förderstunde gab es außerdem eine Impulsfrage zum freien Schreiben, die auch immer einen Gesprächsanlass darstellte (Abb. 2). Anhand der schon besprochenen Themen sollten die Kinder ihre selbst geschriebenen Sätze und kleinen Texte auf Fehler hin prüfen und gegebenenfalls korrigieren. So wurde ihnen die resultative Selbstkontrolle nähergebracht.


Abb. 2 Impulsfragen zum freien Schreiben

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit insgesamt?

Patricia Purat: Die Schülerinnen und Schüler waren sehr aufgeschlossen und motiviert. Zu bestimmten Lese- und Rechtschreibstrategien fertigten wir uns kleine Erinnerungshilfen in Form von Karten an, die die Schülerinnen und Schüler dann direkt in ihre Federtasche legen und im Unterricht nutzen konnten. Die Karten sollen ihnen dabei helfen, an die Strategien zu denken und sie anzuwenden – auch über das Projekt hinaus.
Auch mit den Lehrkräften der jeweiligen Schülerinnen und Schüler war ein unkomplizierter Austausch möglich. Übungsschwerpunkte, Hinweise und Tipps für das Lernen sowie Fortschritte konnten auf kurzem Wege kommuniziert werden.

Anna Muth: Eine gute Vernetzung von Lehrkraft und Lerntherapeut/-in ist (mit-)entscheidend für die Lernentwicklung eines Kindes. Wenn die Förderung vor Ort stattfindet, wird die Möglichkeit zum Austausch erfahrungsgemäß stärker genutzt, es ziehen alle an einem Strang. Ich erlebe dies als große Entlastung im Berufsalltag. Auch für die Eltern ist es schlüssig und konsequent, eine kompetente Ansprechperson innerhalb des Lebensraumes „Schule“ zu haben, die gemeinsam mit der Lehrkraft auf die Lernentwicklung blickt.

Wie es weitergeht, wenn die Kurse jetzt zum Sommer auslaufen, wissen wir derzeit leider nicht. Wir hoffen sehr, dass wir die Kooperation ausbauen können und unserer Schüler/-innen und ihren Familien diese niedrigschwellige und gewinnbringende Art der Förderung weiterhin ermöglichen können. Die Zuweisung weiterer Finanzmittel aus dem Budget von „Stark trotz Corona“ wurde bereits beantragt.