Wie Lerntherapie Selbstregulation bei Kindern unterstützen kann
Selbstregulation wird als die Fähigkeit beschrieben, Ziele zu setzen, das eigene Verhalten situationsangemessen zu steuern, Emotionen zu regulieren und sich sozial angepasst zu verhalten. Diese Kompetenzen bilden eine zentrale Grundlage für selbstreguliertes Lernen und können systematisch gefördert werden. Dabei werden drei eng miteinander verbundene Bereiche unterschieden: die emotionale, die motivationale und die kognitive Selbstregulation – also die Fähigkeit, sich im Fühlen, Handeln und Denken selbst steuern zu können. Diese entwickeln sich im Verlauf der Kindheit unterschiedlich und können gezielt unterstützt werden (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften [Leopoldina], 2024, S. 40–43).
Kognitive Selbstregulation Kognitive Selbstregulation umfasst die Steuerung von Aufmerksamkeit, Denken und Lernstrategien. Kinder lernen, ihre Konzentration aufrechtzuerhalten, Aufgaben zu planen und ihr Vorgehen zu überprüfen – Fähigkeiten, die für schulischen Lernerfolg zentral sind (Leopoldina, 2024, S. 33–35). Die integrative Lerntherapie unterstützt diesen Bereich durch eine klare Strukturierung von Lernprozessen. Aufgaben werden in überschaubare Schritte gegliedert, Ziele gemeinsam formuliert und Lösungswege reflektiert. Regelmäßige kurze Reflexionen fördern die Fähigkeit, das eigene Lernen zunehmend selbst zu steuern (Leopoldina, 2024, S. 45–46). Bereits kurze, ritualisierte Zielklärungen zu Beginn einer Lernphase können dabei Planung und Aufmerksamkeit wirksam unterstützen (Hermes, 2025).
Emotionale Selbstregulation Emotionale Selbstregulation bezieht sich auf den Umgang mit Gefühlen wie Frustration, Ärger oder Enttäuschung, die beim Lernen häufig auftreten. Schwierigkeiten in diesem Bereich wirken sich negativ auf Lernprozesse und Wohlbefinden aus (Schmiedek, 2025). Die integrative Lerntherapie bietet einen geschützten Rahmen, in dem Fehler als normaler Teil von Lernprozessen verstanden werden. Verlässliche Beziehungen, klare Rückmeldungen und begleitete Gespräche schaffen emotionale Sicherheit und helfen Kindern, auch bei Misserfolgen handlungsfähig zu bleiben (Leopoldina, 2024, S. 37–39). Unterstützend wirken zudem kurze Bewegungs‑ und Aufmerksamkeitsübungen sowie bewusst eingeplante Pausen (Hermes, 2025).
Motivationale Selbstregulation Motivationale Selbstregulation beschreibt die Fähigkeit, Motivation und Anstrengung trotz Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten. Lernen Kinder, sich Ziele zu setzen und Entwicklungsfortschritte wahrzunehmen, können sie ihre Motivation aktiv steuern. In der integrativen Lerntherapie wird Motivation gemeinsam aufgebaut. Realistische Ziele, sichtbare Fortschritte und konkrete Handlungspläne („Wenn …, dann …“) unterstützen Kinder dabei, dranzubleiben und nicht vorschnell aufzugeben (Schmiedek, 2025). Auch das Entwickeln alternativer Lösungswege („Plan‑B‑Strategien“) trägt zur Aufrechterhaltung von Motivation bei (Hermes, 2025).
Zusammenspiel der Komponenten in der integrativen Lerntherapie Emotionale, motivationale und kognitive Selbstregulation sind eng miteinander verknüpft. Aufmerksamkeit kann nur dann wirksam gesteuert werden, wenn Kinder emotional stabil und ausreichend motiviert sind; Lernerfolge wirken wiederum positiv auf Motivation und emotionales Erleben zurück (Leopoldina, 2024, S. 31–32). Die integrative Lerntherapie trägt diesem Zusammenspiel Rechnung, indem sie Lernprozesse ganzheitlich begleitet und Unterstützung adaptiv gestaltet. Im Sinne des Scaffoldings erfolgt diese Unterstützung gestuft: Strategien werden zunächst modelliert, anschließend gemeinsam eingeübt und schließlich durch zunehmend zurückgenommene Impulse ersetzt, bis das Kind Aufgaben eigenständig bewältigen kann. Ziel ist es, durch passgenaue, zeitlich begrenzte Hilfen die selbstständige Steuerung von Lernprozessen schrittweise aufzubauen (vgl. Leopoldina, 2024, S. 45–46). Veranschaulicht an einem konkreten Beispiel, könnte die lerntherapeutische Unterstützung wie folgt aussehen: Justus, seit drei Monaten in lerntherapeutischer Betreuung, reagiert auf eine schwierige Leseaufgabe zunächst mit Frustration und Rückzug („Das ist zu schwer!“). Auf der emotionalen Ebene wird dieser Zustand von der Lerntherapeutin aufgegriffen, indem sie das Gefühl verbalisiert und regulierende Strategien anleitet (z. B. kurzes Innehalten, Atmung), wodurch Justus emotional stabilisiert wird. Anschließend wird die Aufgabe auf der kognitiven Ebene strukturiert. Die Lerntherapeutin modelliert zunächst eine Strategie, indem sie ein Wort laut denkend in Silben zerlegt. Im nächsten Schritt wird das Kind beim Anwenden der Strategie verbal angeleitet („Versuche, das Wort in Silben zu zerlegen!“). Diese Strategie wird dann im Rahmen der Lerntherapie schrittweise eingeübt und gefestigt. Mit zunehmender Sicherheit reduziert die Lerntherapeutin ihre Unterstützung weiter und beschränkt sich auf dezente Impulse oder beobachtendes Begleiten, sodass das Kind die Strategie selbstständig einsetzt. Die daraus entstehenden Erfolgserlebnisse stärken die motivationale Selbstregulation, indem sie Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen („Ich kann das doch“) und die Ausdauer erhöhen. Die drei Komponenten greifen somit dynamisch ineinander, während die Unterstützung schrittweise von direkter Anleitung zu eigenständigem Handeln übergeht.
Zusammenfassung Die integrative Lerntherapie kann Selbstregulation bei Kindern wirksam unterstützen, indem sie kognitive, emotionale und motivationale Aspekte gezielt aufgreift. Selbstregulation wird dabei nicht als feste Eigenschaft verstanden, sondern als entwickelbare Fähigkeit. Damit leistet die integrative Lerntherapie einen wichtigen Beitrag zur Förderung schulischen Lernens, psychischen Wohlbefindens und langfristiger Selbstständigkeit.
Literaturverzeichnis
- Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Halle (Saale).
- Hermes, S. (2025). Fünf einfache Übungen, die Selbstregulation fördern. Deutsches Schulportal, 28. Juli 2025 (aktualisiert am 31. Juli 2025).
- Schmiedek, F. (2025). Wie Selbstregulation zur psychischen Gesundheit beiträgt. Deutsches Schulportal, 11. Juli 2025.
Autorin: Dr. Hanan Kondratjew Wissenschaftliche Referentin für Pädagogik und Psychologie in der Zentrale der Duden Institute für Lerntherapie