Prof. Dr. Ulrich Trautwein, Sie lehren und forschen an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Selbstregulation ist aktuell zumindest bei Fachleuten aus dem Bildungsbereich in aller Munde. Sie haben Selbstregulation in Ihrem Vortrag auf unserem 5. Bundeskongress (s. Foto oben) sogar als „Superpower“ bezeichnet. Was versteht man eigentlich genau unter diesem Begriff? Selbstregulation ist ein übergreifendes Konzept, das sich – wie ein Regenschirm – über verschiedene Wissenschaftsbereiche spannt: Forschung zu exekutiven Funktionen, etwa zur Fähigkeit jüngerer Kinder, Ablenkungen auszublenden, zur Selbstregulation von Schülerinnen und Schülern im Lernprozess und zur überdauernden Persönlichkeitseigenschaft „Gewissenhaftigkeit“ kann man sämtlich unter die Überschrift Selbstregulation stellen. Der Regenschirm hat aber einen festen Griff: Es geht immer darum, sich Ziele zu setzen, seine Fortschritte zu beobachten, zu kontrollieren, ob man Ziele erreicht hat, und notfalls umzusteuern.
Sie haben als Mitglied einer Arbeitsgruppe der Wissenschaftsgemeinschaft Leopoldina dazu aufgerufen, Selbstregulation zu einer neuen Leitperspektive des Bildungssystems zu machen. Wieso sind Selbstregulationskompetenzen so wichtig? Die Forschung konnte überzeugend zeigen, dass Selbstregulationskompetenzen eine große Zahl von positiven Auswirkungen haben. Kleinkinder, die sich gut selbst regulieren können, kommen bei Schuleintritt besser zurecht, Schülerinnen und Schüler mit guten Selbstregulationskompetenzen zeigen bessere Schulleistungen, langfristig führt eine bessere Selbstregulationskompetenz zu besserer Gesundheit und höherem Berufserfolg.
Es wäre also wünschenswert, wenn man Selbstregulationskompetenzen fördern könnte. Geht das? Ja, das geht. Wenn beispielsweise guter Unterricht Kinder kognitiv aktiviert, zum eigenständigen Denken und Arbeiten anregt. Wichtig ist allerdings, dass man von Kindern nicht erwartet, ihren Lernprozess von Anfang an selbst zu organisieren. Das wäre eine Überforderung. Schülerinnen und Schüler können Selbstregulationskompetenzen schrittweise entwickeln – anfangs in einem festen Rahmen und mit viel Unterstützung. Die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess selbst zu organisieren, kann dann das positive Ergebnis einer langen Entwicklung sein.
Wie wirkt sich die Nutzung von Social Media und generell digitalen Medien auf die Selbstregulationskompetenz von Kindern und Jugendlichen aus? Viele Apps und Internetdienste sind geradezu darauf ausgelegt, die Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen auszuhebeln. Davor müssen junge Menschen geschützt werden – auch durch politische Maßnahmen. Andererseits kann man digitale Medien auch gezielt dazu nutzen, Selbstregulationskompetenzen zu fördern. Wie und welche digitalen Angebote man nutzt, ist entscheidend. Das Gleiche gilt auch für die Nutzung von KI.
Professor Trautwein, wir danken Ihnen für das Gespräch und Ihre Beiträge auf unserem 5. Bundeskongress "Lerntherapie und inklusive Schule"!
Literaturempfehlungen: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Halle (Saale). Vodafone Stiftung (2026). KI in der Bildung: von Abhängigkeit zu Handlungsfähigkeit! Künstliche Intelligenz und selbstreguliertes Lernen von Schüler:innen. Düsseldorf.