Rechtschreibung verstehen
Dr. Juliane Burmester erläutert, warum Kinder von der Entdeckung sprachlicher Muster profitieren.
„Warum hast du Urlaub großgeschrieben?“ – Manche Kinder beantworten diese Frage mit einem Schulterzucken. Andere sagen: „Das weiß man einfach.“ Wiederum andere Kinder erklären: „Urlaub ist ein Nomen. Ich kann nämlich einen Artikel davorsetzen: der Urlaub.“ Nachhaltiges Rechtschreiblernen beginnt genau dort, wo Kinder anfangen, über solche Fragen nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.
Rechtschreibung lernen bedeutet weit mehr, als Regeln auswendig zu lernen oder Übungsaufgaben abzuarbeiten. Wer sicher schreiben möchte, muss die Strukturen der Schriftsprache verstehen. Kinder lernen Rechtschreibung daher besonders erfolgreich, wenn sie Muster entdecken, ihre Vermutungen äußern und Zusammenhänge erkennen.
Rechtschreibung hat System Kinder nutzen beim Schreiben oft bereits vorhandenes Wissen. Wer das Wort Liebe schreiben kann, findet zumeist auch bei Diebe zur richtigen Schreibung. Bekannte Schreibmuster helfen dabei, neue Wörter zu erschließen (Brinkmann, 2013). Auch Wortfamilien unterstützen beim Verstehen von Schreibweisen: Das Wort Urlaub endet hörbar auf den Laut /p/, geschrieben wird es jedoch mit b. Das b am Wortende wird hörbar, wenn wir das Wort verlängern: der Urlaub – Urlauber. Die Verlängerung ist eine wichtige Rechtschreibstrategie, mit der Kinder viele Schreibweisen selbst herleiten können. Die Schreibung erscheint nicht mehr zufällig, sondern nachvollziehbar. Wenn Kinder solche Zusammenhänge entdecken, wird die Rechtschreibung verständlicher.
Über richtig geschriebene Wörter ins Gespräch kommen Viele Kinder erleben das Rechtschreiblernen vor allem über Fehler: Fehlerwörter werden markiert, Unsicherheiten beim Schreiben werden dadurch sichtbar. Gerade für Kinder mit Schwierigkeiten im Bereich der Rechtschreibung kann dabei der Eindruck entstehen: „Ich kann das sowieso nicht.“ Hilfreich ist es deshalb, den Blick nicht ausschließlich auf Fehler zu richten, sondern auch auf die Überlegungen hinter einer Schreibweise. Es lohnt sich, über Wörter ins Gespräch zu kommen, die richtig geschrieben wurden. Stellen wir also statt der Frage: „Wie schreibt man das richtig?“ die Frage: „Wie kannst du dir die Schreibung erklären?“. Dies unterstützt Kinder darin, sich kompetent und selbstwirksam zu erleben. Sie entdecken, dass sie bereits über hilfreiche Strategien verfügen und können ihr Verständnis ebenso wie bestehende Unsicherheiten ausdrücken. Wer eine Schreibweise erklärt, ordnet das eigene Wissen. Gleichzeitig erhalten die Lernenden beim Zuhören Einblick in die Denkprozesse anderer, entdecken neue Strategien oder gewinnen Anregungen für ihr weiteres Lernen.
Die Rechtschreibförderung im Rahmen einer Lerntherapie ist häufig von diesen Gesprächen begleitet: „Wie würdest du einem/r Mitschüler/-in erklären, warum dieses Wort so geschrieben wird?“, „Gibt es einen Trick, den du angewendet hast?“. Derartige Fragen laden Kinder dazu ein, Strategien bewusst einzusetzen und ihr Wissen zu verbalisieren. Sie fördern eine vertiefte Auseinandersetzung mit Sprache und Schrift sowie eigenständige Denkprozesse. Damit wird das unterstützt, was in der Unterrichtsforschung als „kognitive Aktivierung“ bezeichnet wird – ein wichtiges Merkmal lernwirksamen Unterrichts (Widmer, 2023). Rechtschreibung wird so zu einer gemeinsamen Denkaufgabe statt zu einer Gedächtnisleistung oder Fleißarbeit.
Unterstützung bei Schwierigkeiten im Rechtschreiblernen Während manche Kinder orthografische Muster weitgehend intuitiv entdecken, benötigen andere mehr Unterstützung dabei, Zusammenhänge zu erkennen. Insbesondere diejenigen mit Schwierigkeiten in der Rechtschreibung oder mehrsprachig aufwachsende Kinder profitieren davon, wenn Regeln und Strategien zur Herleitung einer Schreibweise regelmäßig besprochen werden (Brügelmann & Brinkmann, 2018; Prause, 2023). Das Nachdenken und Sprechen über die Schreibweise, den Aufbau des Wortes und typische Rechtschreibstrategien machen vorhandenes Wissen sichtbar und helfen dabei, Muster und Regelmäßigkeiten der Schriftsprache zu entdecken. So entstehen Lerngelegenheiten, die über das reine Üben hinausgehen und langfristig zu mehr Rechtschreibsicherheit sowie zu einer Erweiterung des Wortschatzes beitragen (Leßmann, 2023). Wenn Gespräche über die Schreibweise von Wörtern in einem vertrauensvollen Rahmen in der Lerntherapie, zu Hause mit den Eltern oder in einer „Murmelrunde“ mit dem Sitznachbarn oder der Sitznachbarin in der Schule geführt werden, öffnet sich ein Raum für Fragen zu Rechtschreibung und bereits bekannten (Faust-)Regeln, die das Kind im Klassenverband vielleicht nicht aussprechen würde. Dabei müssen Erklärungen nicht immer fachsprachlich perfekt sein (Prause, 2023). Für das Verstehen braucht es nicht den einen „richtigen“ Merksatz aus dem Lehrbuch. Auch greifen häufig mehrere Prinzipien ineinander. Gerade die laut ausgesprochenen Überlegungen anderer können dabei helfen, einen eigenen Zugang zur Rechtschreibung zu finden.
Kinder erleben so, dass sich die Schreibung eines Wortes häufig auf unterschiedliche Weise begründen lässt. Die Großschreibung von Urlaub lässt sich etwa über die Artikelprobe (der Urlaub), eine Erweiterung (der schöne Urlaub) oder die Mehrzahlform (die Urlaube) erklären. Während diese Zugänge zum gleichen Ergebnis führen, hilft die häufig verwendete Merkhilfe „Nomen kann man anfassen“ hier nicht weiter. Gerade im Gespräch über unterschiedliche Erklärungen wird sichtbar, welche Strategien im konkreten Fall weiterhelfen, sodass Überlegungen weiterentwickelt und ein tieferes Verständnis von Rechtschreibung entstehen kann.
Damit wird Rechtschreibung zu einem gemeinsamen Nachdenken über Sprache – und nicht zur Suche nach Fehlern.
Literatur:
- Brinkmann, E. (2013). Wie kann man Kinder auf dem Weg zum Rechtschreiben unterstützen? Stärken und Schwächen verschiedener Konzeptionen des Rechtschreibunterrichts. Grundschulverband. (Zum PDF)
- Brügelmann, H., & Brinkmann, E. (2018). Nachdenken statt Drill: Rechtschreibgespräche als Förderkonzept. Befunde aus dem Projekt „Bremer Rechtschreibforscher*innen“. Grundschule aktuell, 143, 44–47. (Zum Artikel)
- Leßmann, B. (2023). Rechtschreibgespräche und ihre Bedeutung für das Wortschatzlernen. In: S. Jambor-Fahlen & R. Wanka (Hrsg.), Schule macht stark: Deutsch – Modul 1: Schriftspracherwerb (S. 34–40). Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. (Zur Broschüre)
- Prause, A. (2023). „Ich hab da einen kleinen Tipp für dich“: Verstehensorientierte Rechtschreibgespräche in Gruppen zu eigenen Rechtschreibfragen. Grundschule Deutsch, 77, 32–34.
- Widmer, A.-K. (2023). Nachdenken über Schrift: Kognitiv aktivierender Rechtschreibunterricht. In: S. Jambor-Fahlen & R. Wanka (Hrsg.), Schule macht stark: Deutsch – Modul 1: Schriftspracherwerb (S. 27–33). Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. (Zur Broschüre)
Autorin
Dr. Juliane Burmester leitet den Fachbereich Deutsch der Duden Institute für Lerntherapie.