In jedem Gedanken eines Kindes steckt Potenzial

Mädchen sitzt im Klassenzimmer und schreibt.

5 Fragen an Dr. Beate Leßmann


1. Frage: Frau Dr. Leßmann, Sie haben ein Konzept für Rechtschreibgespräche entwickelt mit dem Ziel, die Kinder dazu anzuregen, gemeinsam über Sprache und Rechtschreibung nachzudenken. Was war Ihre ursprüngliche Motivation?

Rechtschreibgespräche sind in meinem Unterricht als ein Gegengewicht zum individualisierten Lernen entstanden. Zu einer Zeit, als fast ausschließlich im Gleichschritt unterrichtet wurde, habe ich Wege und Materialien für die Individualisierung von Unterricht entwickelt: Kinder schreiben ihre eigenen Texte. Sie üben in ihrer persönlichen „Wörterklinik“ nur solche Wörter, bei denen sie Schwierigkeiten haben. Sie erhalten individuell Karten mit Übungen aus den „Rechtschreibboxen“, die ebenfalls exakt zu ihren individuellen Unsicherheiten und Fehlern passen. Die eigenen Texte geben Auskunft darüber, was jedes Kind übt. Man kann sich das so vorstellen, dass alle Kinder im Unterricht an unterschiedlichen Schwerpunkten arbeiten. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich den Eindruck hatte, dass bei aller Individualisierung dennoch Raum für das gemeinsame Nachdenken über die Rechtschreibung innerhalb der Klasse als Pendant zum individualisierten Lernen notwendig ist. Es reicht nicht, Aufgaben für sich auf dem Papier zu bearbeiten. Lernen gelangt über die Reflexion in der Gruppe in die Tiefe. Wenn Rechtschreibfälle im gemeinsamen Gespräch gelöst werden, kann jedes Kind sein Wissen und seine Fähigkeiten einbringen. Individuelles und gemeinsames Lernen gehören zusammen. Im reflektierenden Austausch schärft sich, was in individualisierten Phasen angebahnt wird. Es findet in Gesprächen über Schreibweisen seinen Weg in die Gruppe. Hier verständigt man sich über Strategien und Regeln, erprobt sie am Exempel, und erkennt deren Bedeutung. Damals entstanden das „Wort des Tages“ und der „Satz der Woche“ als Routinen im Unterricht, die das individualisierte Lernen begleiten und ergänzen.

2. Frage: Wenn Kinder über Rechtschreibung sprechen und sich über ihre Überlegungen austauschen, was passiert dabei Ihrer Erfahrung nach im Lernprozess?

Rechtschreibgespräche sollte man sich als etwas Gemeinsames vorstellen. Im Zentrum steht ein Wort, eine Formulierung oder ein Satz aus den Texten der Kinder. Dadurch erhalten die Gespräche eine persönliche Dimension. Natürlich kann man auch ein Wort auswählen, das wichtige Muster der Schrift sichtbar macht. An den eigenen Wörtern jedoch erfahren die Kinder stärker, dass Rechtschreiben etwas mit ihnen zu tun hat. Motivation ist die beste Grundlage für jeden Lernprozess.

Auch die Verständigung über die Rechtschreibung lebt von den Gedanken und Beobachtungen der Kinder.

Auch die Verständigung über die Rechtschreibung lebt von den Gedanken und Beobachtungen der Kinder. Gemeinsam wird eine normierte Schreibweise erklärt und begründet. Wörter werden in ihre Bestandteile zerlegt und Parallelen zu Wörtern mit ähnlichen Schwierigkeiten gezogen. Dazu kann jede und jeder etwas im Gespräch beisteuern. In jedem Gedanken steckt Potenzial. Die Lehrkraft bringt natürlich auch ihr Fachwissen ein. Die Herausforderung für die Lehrkraft besteht vor allem darin, aufzugreifen und weiterzuführen, was die Kinder beobachten, entdecken und beschreiben. Lernprozesse vollziehen sich also auf verschiedenen Ebenen: im Persönlichen (jede und jeder ist wichtig), im Fachlichen (Rechtschreibung erklären und verstehen) und in der Kommunikation. Hier bilden sich – oft unbemerkt – grundlegende Kompetenzen im Sprechen und Zuhören sowie Diskurskompetenzen wie Beschreiben, Begründen oder Erklären. Da all das nur im sozialen Raum der Gruppe geht, entwickelt sich hier zugleich so etwas wie eine gemeinsame Agency, die mit dem Begriff „Ko-Konstruktion“ gut umschrieben ist. Die Einzelnen erfahren, dass ihre Beobachtungen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten die Grundlage des Lernens sind.

3. Frage: Gibt es typische Missverständnisse über das Rechtschreiblernen, denen Sie in Ihrer Arbeit immer wieder begegnen?

Das mir bekannte größte Missverständnis bei Rechtschreibgesprächen liegt darin, Kindern Strategien an die Hand geben zu wollen, die nicht überzeugend sind. Das ist besonders auffällig bei der vermeintlichen Strategie, durch Klatschen oder Schwingen einen doppelten Konsonanten hören zu können. Obwohl die Sachlage fachdidaktisch eindeutig ist, hält sich dieses Halbwissen hartnäckig in den Köpfen von Lehrkräften – und im Gefolge auch bei Schülerinnen und Schülern.

Rechtschreibgespräche setzen dagegen darauf, Muster der Schrift so zu durchschauen, dass man die Schreibweisen verstehen und erklären kann.

Auf Elternseite trifft man manchmal auf Vorstellungen von Rechtschreiblernen als sturem Auswendiglernen und wiederholtem Abschreiben von Wortlisten. Rechtschreibgespräche setzen dagegen darauf, Muster der Schrift so zu durchschauen, dass man die Schreibweisen verstehen und erklären kann. Und schließlich: Das intuitive Können der Kinder wird unterschätzt. Rechtschreibung beginnt nicht erst im Rechtschreibunterricht der Schule. Jede Begegnung mit Schrift aktiviert das Gehirn, Muster zu generieren, zu prüfen, zu verwerfen und neue zu bilden. In diesen Prozessen des impliziten Lernens liegen die größten Chancen des Lernens, die oft gar nicht wahrgenommen werden. Rechtschreibgespräche setzen genau dort an.

4. Frage: Im Kontext von Unterricht und Förderung bringen Kinder unterschiedliche Lernvoraussetzungen mit. Welche Chancen bietet das Rechtschreibgespräch insbesondere für Kinder, die Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben?

Das Format der Rechtschreibgespräche zeichnet sich gerade dadurch aus, dass alle Kinder unabhängig von ihren Vorkenntnissen daran teilhaben und voneinander lernen. Kinder, die an ihre Grenzen stoßen, erhalten zusätzliche Hilfen. Exemplarisch nenne ich die „Wortbausteine“. Das sind Holzklötze, an deren Seiten Bausteine der Schrift (Morpheme) wie z. B. „vor“, „geh“, „en“ abgebildet sind. Durch Aufbauen, Nachlegen oder Zerlegen von Wörtern erfahren die Kinder, wie Wörter zusammengesetzt sind und welche Wortbausteine immer wieder vorkommen. Wenn z. B. „Erlebnis“ das Wort des Tages ist, erhalten diese Kinder eine kleine Kiste mit den Bausteinen, aus denen sie dieses Wort legen, während andere erklären und diskutieren. Natürlich stellen auch sie ihre „greifbaren“ Ergebnisse innerhalb des Rechtschreibgesprächs vor, denn damit helfen sie anderen, Strukturen zu erkennen, zu verstehen und explizit zu formulieren.

5. Frage: Welche Empfehlung geben Sie Lehrkräften und Lerntherapeutinnen bzw. Lerntherapeuten, die Rechtschreibgespräche erstmals in ihren Unterricht oder ihre Förderung integrieren möchten?

Das Wichtigste: Einfach anfangen! Um die Gespräche gut moderieren zu können, kann ein Fahrplan helfen, z. B. die „Rechtschreibampel“ zum Wort des Tages, zum Satz der Woche oder zu Wörtern eines Themas. Mehr Informationen dazu finden Sie auf meiner Homepage. Um sich fachlich vorzubereiten, empfehle ich, sich mit den vier Prinzipien der Rechtschreibung zu beschäftigen. Gerade für das Erklären der Schreibung von Doppelkonsonanten ist die Auseinandersetzung mit Chancen und Grenzen des silbischen und morphematischen Arbeitens grundlegend. Und: Filme aus Rechtschreibgesprächen aus dem Unterricht anzuschauen – z. B. zum Wort „Erlebnis“!

Wir danken Dr. Beate Leßmann für das Interview.

Lesetipps von Dr. Beate Leßmann: Leßmann, B., & Widmer, A.-K. (2023). Silbe oder Morphem? Auf der Suche nach dem Königsweg für das Rechtschreiblernen. Die Grundschulzeitschrift, 341, 13–17. Friedrich Verlag.

Umfangreiche Infos, Materialien, Filme aus dem Unterricht, Fortbildungen sind auf der Webseite von Dr. Beate Leßmann:

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Über die Interviewpartnerin
Foto von Beate Leßmann

Dr. Beate Leßmann ist Grundschullehrerin, Deutschdidaktikerin und Autorin. Sie arbeitet in der Aus- und Fortbildung am IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein). Bekannt ist sie für ihr Konzept eines individualisierten Deutschunterrichts, der die Gruppe als wichtigsten Bezugspunkt betrachtet. Rechtschreibgespräche wie das „Wort des Tages“ oder der „Satz der Woche“ hat sie konzeptualisiert und etabliert.