Rechenschwäche

Mathematik schon im Kindergarten

Um ein mathematisches Verständnis zu entwickeln, müssen Kinder Mathematik in verschiedenen Kontexten schon vor der Schulzeit erleben und über ihre Erfahrungen nachdenken. Wie das möglich ist, legt Dr. Oliver Thiel, ao. Professor für Mathematik und ihre Didaktik im Kindergarten an der Queen Maud University in Trondheim, dar.

Von ao. Prof. Dr. Oliver Thiel

Was ist Mathematik?

Woran denken Sie, wenn Sie „Mathematik“ hören? Die meisten Erwachsenen und Schulkinder denken wohl an das Schulfach Mathematik ‒ und viele verknüpfen Mathematik mit negativen Erfahrungen und Gefühlen. Leserinnen und Leser dieses Newsletters denken sicher auch daran, dass einige Kinder lerntherapeutische Hilfe in diesem schwierigen Fach benötigen. Fast alle stimmen zu, dass grundlegende mathematische Fähigkeiten wichtig sind im Beruf, in der Gesellschaft und im Privatleben, aber nur wenige Menschen lieben Mathematik und betrachten sie als angenehmen Zeitvertreib. Wenn ich erzähle, dass ich Mathematik in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte für den Kindergarten unterrichte, ist die Reaktion oft: „Mathematik im Kindergarten? Gibt es das?“ Für viele ist es unverständlich, dass sich bereits Kindergartenkinder mit so etwas Abstraktem und Schwierigem wie Mathematik beschäftigen können oder sollen. Ich bekomme diese Reaktion auch heute immer wieder, obwohl Mathematik schon seit etwa zwei Jahrzehnten in den frühpädagogischen Bildungsplänen der meisten Länder enthalten ist.

Mein Weg zur Mathematik im Kindergarten

Im Jahre 1998 wurde ich am Duden Institut für Lerntherapie in Berlin-Treptow, das damals noch PAETEC Institut für Therapie hieß, zum Lerntherapeuten für Rechenschwäche ausgebildet. Hier lernte ich, wie wichtig es ist, dass Kinder ein grundlegendes Zahlenverständnis entwickeln. Später forschte ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zum mathematischen Vorwissen von Grundschulkindern. Wir stellten fest, dass Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen haben, wenn sie in der Grundschule beginnen. Der nächste logische Schritt war ein Forschungsprojekt zur Mathematik im Kindergarten. Ich fand heraus, dass die Ressourcen der Eltern die größte Bedeutung für die Entwicklung der mathematischen Kompetenzen der Kinder haben. Pädagogische Fachkräfte mit guter mathematikdidaktischer Ausbildung können jedoch einen Unterschied machen. Deshalb ergriff ich mit Begeisterung die Möglichkeit, Mathematik in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte zu unterrichten, als sich diese bot.

Kinder erforschen mathematische Zusammenhänge

Für mich dreht sich Mathematik um Beziehungen, Nützlichkeit, Freude, Schönheit, Logik und Kommunikation. Es ist faszinierend, wie schon die Kleinsten im Kindergarten räumliche Beziehungen, Reihenfolgen und Mengen erforschen: Sie erkunden Höhen beim Klettern und hätten lieber zwei Waffelherzen als nur eines. Sie entdecken, dass in einem großen Becher mehr Milch ist als in einem kleinen, und stellen fest, dass das Spielzeugauto nicht für immer verschwindet, wenn es unter das Sofa rollt. Für das Kind ist Mathematik so alltäglich wie Sprache und Interaktion mit anderen Menschen. Dabei geht es nicht darum. zu rechnen oder Regeln anzuwenden, sondern um das Erforschen und Entdecken mathematischer Zusammenhänge. Kinder sind kleine Mathematiker ‒ wenn auch auf einem anderen Niveau, mit anderen Hilfsmitteln und anderen Voraussetzungen als studierte Mathematiker. Sowohl Kinder als auch Mathematiker sind daran interessiert, Mathematik zu erforschen, neue Zusammenhänge zu entdecken und ihr mathematisches Verständnis ständig weiterzuentwickeln. Im Kindergarten geht es nicht darum, das Lesen und Schreiben von Ziffern zu üben, sondern vielfältige Erfahrungen mit Zahlen, Formen und räumlichen Beziehungen zu sammeln. Die Zahl „Fünf“ zu verstehen bedeutet nicht, dass man weiß, wie das Symbol 5 aussieht, sondern dass fünf mehr sind als vier und weniger als sechs und dass der Fünfte nach dem Vierten kommt und vieles mehr. Solche Erfahrungen machen Kinder zum Beispiel, wenn sie das mechanische Krokodil basteln (s. Abb.), das wir im Projekt AutoSTEM entwickelt haben: Sie müssen herausfinden, wie viele Papprechtecke und wie viele Musterbeutelklemmen sie benötigen. Weitere Erfahrungen machen sie beim Spielen: Wie viele Fische frisst ein Krokodil? Außerdem machen sie Erfahrungen mit Formen (Rechteck), mit räumlichen Beziehungen (Das Maul geht auf und zu) und Größen (Das Krokodil wird länger und kürzer).



Abb.: Ein Junge spielt mit dem selbst gebastelten mechanischen Krokodil.

Kompetente Erwachsene sind wichtig

Bereits in der frühen Kindheit sind Kinder neugierig und wissbegierig. Sie nutzen ihren Körper und ihre Sinne, um zu zeigen, dass sie solche Zusammenhänge entdecken und verstehen wollen. Sie denken mathematisch. Das pädagogische Fachpersonal muss die Initiativen der Kinder bewusst und aufmerksam begleiten sowie abwechslungsreiche und spannende mathematische Erfahrungs- und Spielgelegenheiten anbieten. Im Projekt ViduKids ließen wir die Kinder zum Beispiel 20 Münzen an vier Badeenten verteilen. Eine gerechte Lösung zu finden, erforderte viel Ausprobieren und Nachdenken. Um ein mathematisches Verständnis zu entwickeln, müssen Kinder Mathematik in verschiedenen Kontexten erleben und einen reichen und vielfältigen Inhalt in den mathematischen Begriffen aufbauen: Tun ist wichtiger als Hören, denn Mathematik lernen sie nicht durch Erklärungen. Tun alleine reicht jedoch nicht aus. Um Zusammenhänge zu entdecken, müssen Kinder über ihre Erfahrungen nachdenken. Dieser Prozess verlangt nach engagierten und kompetenten pädagogischen Fachkräften.

Über den Autor



Dr. Oliver Thiel ist ao. Professor für Mathematik und ihre Didaktik im Kindergarten an der Queen Maud University College of early childhood education in Trondheim.