Rechenschwäche
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Alle Kinder beim Mathematiklernen herausfordern!

Wie muss ein Schulbuch gestaltet und aufgebaut sein, um Kinder beim Mathematiklernen zu begleiten, anzuregen und zu unterstützen? Wir fragen Dr. Andrea Schulz, Leiterin der Duden Institute für Lerntherapie. Ihr Wissen aus 25 Jahren Lerntherapie fand Eingang in das neue Lehrwerk „Jo-Jo Mathematik“ und folgt der Maxime: Lerntherapie und guter Mathematikunterricht sollten Hand in Hand gehen.

In der Lerntherapie arbeiten Sie individuell mit Kindern, die gravierende Schwierigkeiten beim Mathematiklernen haben. Inwiefern beeinflussen diese Erfahrungen Ihre Arbeit bei der Erstellung von Lernmaterialien?

Schulz: Hier möchte ich besonders das Wissen um die Lernfähigkeit jedes Kindes nennen. Kinder, die zu uns in die Duden Institute für Lerntherapie kommen, haben eines Tages oft sogar Freude am Mathematiklernen und freuen sich mit uns über ihre Schulerfolge. Das Wissen und die Erfahrung, dass Kinder dann erfolgreich Mathematik lernen können, wenn sie wichtige Fähigkeiten erworben und sich die grundlegenden Inhalte nochmals erarbeitet haben, hilft mir, mich auf Wesentliches zu konzentrieren und Kindern die nötige Zeit zum Verstehen zu geben.

Was ist Ihnen bei der Erstellung von Materialien für die Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten besonders wichtig?

Schulz: Jeder Lernende braucht vor allem Erfolg und Zuspruch, um dranzubleiben, weiterzumachen, voranzukommen. Er muss wissen, dass er auf dem richtigen Weg ist und dass sich die Mühe lohnt, wenn man etwas gelernt hat. Kein Lernender macht absichtlich Fehler, dennoch sind Fehler eine gute und sinnvolle Annäherung an einen neuen Lerngegenstand, wenn man sie erkennen, analysieren, daraus lernen darf.

Insbesondere hat mir meine Arbeit als Lerntherapeutin in den letzten 25 Jahren gezeigt, dass jedes Kind erfolgreich rechnen lernen kann. Gelingt es einigen Kindern nicht so schnell und auf Anhieb, liegt das meist an drei Dingen:

  • Es bestehen noch Entwicklungsverzögerungen in einigen Fähigkeiten, die für Mathematiklernen ausschlaggebend sind, z. B. Orientierungsfähigkeit oder Vorstellungsfähigkeit.

  • Daraus folgen Lücken in grundlegenden Kenntnissen und Fertigkeiten.

  • Weiterhin erschwerend kommt die starke Hierarchie des Lernstoffs in Mathematik dazu.

Alles Folgende baut auf den grundlegenden Inhalten aus Klasse 1 und 2 auf.

Um Kindern erfolgreich zu helfen, sollten alle Bemühungen einer Förderung diese drei Dinge im Blick behalten. Das heißt, Übungen und Aufgaben sollen dazu dienen, dass Kinder ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, sich gleichzeitig mit den grundlegenden mathematischen Inhalten beschäftigen und sich dadurch grundlegende Inhalte neu erschließen. So können gute Fördermaterialien den Kindern vor allem Handlungs- und Reflexionsmöglichkeiten bieten, weniger verschiedene Aufgabenstellungen vorgeben, sondern auf Verlässlichkeit und Bekanntheit bei den Übungen setzen sowie Platz für eigene Darstellungen auf der bildhaften Ebene lassen.

Auch Hinweise für Lehrkräfte, worauf es bei den zu bearbeitenden Aufgaben ankommt, können eine Förderung Einzelner sinnvoll unterstützen. Und Kinder lernen am besten von Kindern. Es nutzt nicht so viel, Kinder mit Lernschwierigkeiten extra zu setzen, sondern diese eher ins Unterrichtsgeschehen einzubinden und ihr Vorgehen ebenfalls beschreiben oder zeigen zu lassen.

In dem Arbeitsheft Fördern des neuen Lehrwerks „Jo-Jo Mathematik“ bearbeiten die Kinder auf den gleichen Seiten unter derselben Überschrift gleiche Inhalte, aber mit anderem Anforderungsgrad bzw. auf der Handlungs- oder/und bildhaften Ebene, um Erfahrungen zu sammeln (Hier ein Beispiel aus dem Buch). Ein Austausch über die Aufgaben kann zur Weiterentwicklung des Verständnisses bei allen Kindern beitragen und keiner fühlt sich ausgegrenzt.

Welche fachlichen Inhalte sind aus Ihrer Sicht für alle Kinder in den ersten Schuljahren wichtig, sodass das gemeinsame Lernen in der Schule gut gelingen kann?

Schulz: Bei den mathematischen Inhalten liegt eindeutig der Schwerpunkt auf der Entwicklung guter Zahlvorstellungen, dem Aufbau eines gut strukturierten Zahlenraums und auf den Handlungsvorstellungen zu den Rechenoperationen sowie den Grundvorstellungen zu geometrischen Inhalten wie Körper und Flächen. Das kann aber wie oben beschrieben nur gelingen, wenn Kinder sich gut orientieren, sich etwas vorstellen und auf Strukturen achten können. Diese Fähigkeiten entwickeln sich nur durch das Tun – und das in einem langen Zeitraum vor der Schule und auch weiterhin im Grundschulalter und später.

In mehreren Schulprojekten konnten wir, Lerntherapeuten aus den Duden Instituten, gemeinsam mit vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrern in Grundschulen ausprobieren, wie gut sich diese Fähigkeiten entwickeln lassen, wenn man über längere Zeit (mindestens einen Monat lang) gezielt an der Entwicklung arbeitet und dies anhand der Auseinandersetzung mit grundlegenden mathematischen Inhalten koppelt.

Schulz
Andrea Schulz, Leiterin des Systems der Duden Institute für Lerntherapie, Lerntherapeutin, Grundschullehrerin, Ausbilderin, Schulbuchautorin und Herausgeberin z. B. des neuen Lehrwerks „Jo-Jo Mathematik“ (Cornelsen)