Pädagogik und Psychologie
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„Nachteilsausgleich ist eine der brennendsten Thematiken für Lehrkräfte.“

Mit alphaPROF wurde eine kostenlose Online-Fortbildungsplattform für Lehrende geschaffen, die ihr Wissen und ihre Handlungskompetenz zur Thematik „Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten“ erweitern wollen. Auch ein Kurs zum Thema Nachteilsausgleich ist Teil des Fortbildungsangebots. Im Interview erläutern die Initiatoren Dr. Britta Büchner und Dr. David Gerlach, warum dieses Thema für die Lehrerfortbildung von großer Bedeutung ist.

Was hat Sie bewogen, außer fachlichen Inhalten im engeren Sinne auch einen Kurs zur Gestaltung von Nachteilsausgleich aufzunehmen?

Büchner: Es ist ja unser Anliegen, unterrichtspraktische Empfehlungen zu geben und auf Seiten der Lehrkräfte ein Bewusstsein zu schaffen, wie LRS in den unterschiedlichen Fächern berücksichtigt werden kann. Der Nachteilsausgleich spielt dann natürlich sofort eine Rolle, wenn es um Leistungsbewertung geht. Das ist für Lehrerinnen und Lehrer häufig genau der Punkt, an dem die meisten Fragen kommen: Während man im Unterricht mit dem eigenen pädagogischen Ermessensspielraum differenzieren und den Schülerinnen und Schülern entgegenkommen kann, sind es spätestens schriftliche Leistungsüberprüfungen, die hier nicht nur für die Lernenden, sondern auch für die Lehrkräfte eine Herausforderung darstellen. Daher ist das Thema „Nachteilsausgleich“ bei uns auch in einen Kurs zu sogenannten „alternativen Formen der Leistungsbewertung“ eingebettet.

An der alphaPROF-Fortbildung haben bereits Tausende Lehrerinnen und Lehrer teilgenommen: Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen? Gelingt die Umsetzung der Maßnahmen zum Nachteilsausgleich, die Sie vorschlagen?

Gerlach: Unserer Erfahrung nach ist diese Thematik tatsächlich eine der brennendsten. Allerdings gibt es auch Lehrkräfte, die die Möglichkeiten von Nachteilsausgleich und Notenschutz in ihren Ländern nicht oder nicht ausreichend kennen. Und dies liegt nicht etwa daran, dass die Lehrkräfte sich nicht darum kümmern würden. Die Schulgesetze, in denen teilweise Vorschläge für den Nachteilsausgleich gegeben werden, werden in den meisten Bundesländern kaum in der Breite kommuniziert und sind nicht immer aus sich heraus verständlich. Dabei können die Verordnungen oder Erlasse – wie jeder Gesetzestext – relativ eng oder relativ weit ausgelegt werden und geben damit auch den Lehrkräften mehr Spielraum.

Sobald die Lehrerinnen und Lehrer die Lage zum Nachteilsausgleich in ihrem Bundesland kennen, erleichtert es ihnen die Umsetzung von Leistungsmessungen für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten um ein Vielfaches. Das zeigt das Feedback, das wir über alphaPROF bekommen. Dort geben wir eine Übersicht der möglichen Maßnahmen in den Bundesländern – mal geht mehr, mal geht weniger. Das Wichtige ist uns dabei, dass Lehrkräften bewusst ist, dass sie ein großes Maß an Selbstwirksamkeit haben und zahlreiche Maßnahmen auch kreativ gestalten können.

Den Rahmen für die Gestaltung des Nachteilsausgleichs geben die Schulgesetze der Länder. Gibt es aus Ihrer Sicht Änderungsbedarf?

Gerlach: Zum einen natürlich die gerade schon angesprochene Kommunikation der Gesetzeslage an die Schulen und Lehrkräfte. Der andere Punkt ist, dass manche Gesetze ergänzt oder eingeschränkt werden oder dass teilweise für Abschlussprüfungen andere Bedingungen gelten als für reguläre Klassenarbeiten. Wenn die Länder eine jeweils einheitliche und übersichtliche Liste der Möglichkeiten erstellen würden, die zudem noch für alle Fächer und Jahrgangsstufen sowie Prüfungen gültig wäre, würde das für Lehrkräfte wie auch für Lernende und Eltern für viel Klarheit sorgen.

Ein Beispiel: In manchen Bundesländern besteht kein Anspruch mehr auf Nachteilsausgleich auf dem Weg zum Abitur, wenn ein Kind in der Sekundarstufe I keinen solchen in Anspruch genommen hat. Hat ein Kind die Sekundarstufe I mit viel Mühe bewältigt und merkt in der Oberstufe, dass ihm ein Nachteilsausgleich helfen würde, sind die Möglichkeiten verbaut.

Wer sollte an der Gestaltung von Nachteilsausgleich für ein Kind alles beteiligt sein?

Büchner: Im Grunde müssten das alle Beteiligten sein, primär sowohl Lehrkräfte und Lernende als auch Eltern. In einigen Bundesländern entscheiden die Klassenkonferenzen, also alle Lehrkräfte einer Klasse, relativ autonom über die Formen des Nachteilsausgleichs, ohne dass beispielsweise außerschulische oder schulpsychologische Gutachten eingeholt werden müssten. Das halten wir durchaus für sinnvoll – allerdings nur, wenn die Lehrkräfte über das entsprechende Fachwissen verfügen.

In der Konferenz kann es z. B. auch dazu kommen, dass der Deutschlehrer findet, dass ein bestimmter Nachteilsausgleich beim betroffenen Schüler in seinem Unterricht besser funktionieren könnte als der Nachteilsausgleich, der gerade in Englisch oder Mathe eingesetzt wird. Wichtig ist, dass diese Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Und man sollte auch die Lernenden selbst befragen, was sie denken, was für sie eine sinnvolle Maßnahme sein könnte – viele Schülerinnen und Schüler mit LRS können dies nämlich sehr genau benennen. Hier kann dann auch die Perspektive der Eltern eine Rolle spielen oder – sofern vorhanden – die der Lerntherapeutin oder des Lerntherapeuten, die/der den Lernenden individuell begleitet und dadurch einen sehr fokussierten Blick auf Arbeits- und Lernstrategien hat. Die Kooperation von Lerntherapie und Schule sollte im Kontext der inklusiven Schule ohnehin verstärkt werden.

Vielen Dank für das Interview.

(Das Interview führte Dr. Lorenz Huck.)


Dr. Britta Büchner, Psychologiestudium und Promotion in München; seit über 15 Arbeit mit Kindern in eigener lerntherapeutischer Praxis. Vor knapp 15 Jahren Gründung des Online-Projekts LegaKids, seitdem Entwicklung zahlreicher Online-Lernspiele und Lehr- und Lernvideos für Kinder sowie einer kostenlosen Weiterbildungsplattform zum Thema Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten für Lehr- und Förderkräfte (alphaPROF).


Dr. David Gerlach vertritt aktuell die Professur für Englischdidaktik an der Universität Regensburg. Im Rahmen seiner Dissertation hat er ein Förderkonzept für Englischlernende mit LRS entwickelt (wordly), danach gemeinsam mit der LegaKids-Stiftung alphaPROF für Lehrerinnen und Lehrer (unterstützt u.a. von den Duden Instituten für Lerntherapie). Seine Forschungsschwerpunkte sind Inklusion und Lernschwierigkeiten im Fremdsprachenunterricht sowie Lehrerprofessionalisierung.

Weitere Informationen:
Alternativen zum Nachteilsausgleich
Pädagogik und Psychologie | 16.05.2018

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