Lese-Rechtschreib-Schwäche
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Lerntherapeutische Förderung mithilfe von Wortbausteinen

von Dr. Astrid Schröder, Leiterin des Fachbereichs Deutsch der Duden Institute für Lerntherapie

Die lerntherapeutische Förderung mithilfe von Wortbausteinen hat in der Therapie der Lese-Rechtschreib-Schwäche eine lange Tradition (z. B. Pilz & Schubenz, 1979). Auch in der mehr als 25-jährigen Arbeit mit dem Duden-Konzept an den Duden Instituten für Lerntherapie spielt die Arbeit mit Wortbausteinen eine tragende Rolle (z. B. Rehak, 2017). Ausgangspunkt der Rechtschreibförderung ist zunächst immer eine detaillierte Analyse der Fehler. So brachte beispielsweise der Vater von Felix, 11 Jahre, zu Beginn der integrativen Lerntherapie ein Foto mit ins Beratungsgespräch: Felix hatte ein Schild an seiner Tür angebracht, nachdem er sich nach einem Streit mit seinen kleineren Geschwistern in sein Zimmer zurückgezogen hatte. Auf dieses Schild hatte Felix geschrieben: „Liebe Läute, gept entlich Ruhe! Ich habe Eure Kuscheltiere ferstekt. Wo wird nicht feraten!“

Rechtschreibfehler als Fenster zum Schriftspracherwerb

Die Rechtschreibfehler, die in dieser Mitteilung auftauchen, gaben – gemeinsam mit weiteren Ergebnissen aus der qualitativen Förderdiagnostik – der Lerntherapeutin von Felix wichtige Hinweise zu seiner Unterstützung: Felix fehlte noch grundlegendes Wissen über Wortfamilien, Wortbausteine und Wortbildungsprozesse. Diese Kenntnisse sind die Voraussetzung für die Herleitung wichtiger Rechtschreibphänomene des Deutschen (z. B.: Der Wortbaustein ver- wird stets mit v geschrieben; ich schreibe nur dann ein äu, wenn ich ein verwandtes Wort mit au dazu finde.).

Gespür für Wortstrukturen entwickeln

Kinder entwickeln meist schon lange vor dem Schuleintritt ein Gespür für Wortstrukturen. Dies wird unter anderem an der spielerischen Neubildung von Begriffen sichtbar (z. B.: „Meine Puppe heißt Flupp, weil sie so schön fluppig aussieht. Aber deine Puppe ist noch viel fluppiger!“). Auch Erwachsene nutzen meist unbewusst die unerschöpflichen Möglichkeiten der Wortbildung beispielsweise beim Zusammensetzen von Wörtern (z. B.: Fuß – Fußball – Fußballverein – Fußballvereinsvorsitz) oder beim Eindeutschen fremdsprachlicher Begriffe (z. B. etwas liken oder twittern). Im Laufe der Grundschulzeit und zeitgleich mit dem Erwerb des Lesens und des Rechtschreibens entwickelt sich das Wissen über die Struktur von Wörtern stets weiter. Mithilfe dieses Einblicks können die Lernenden dann die Rechtschreibung insbesondere der Wörter herleiten, die nicht lautgetreu verschriftet werden. Hintergrund ist unter anderem das so genannte Stammprinzip der deutschen Rechtschreibung: Auch wenn die Lautung etwas anderes nahelegen würde, wird der Wortstamm in der Schreibung bewahrt: Deshalb schreibt man Bäume (Baum) statt *Beume, Hund (Hunde) statt *Hunt, gibt (geben) statt *gipt usw.

Flüssiges sinnentnehmendes Lesen

Die Fähigkeit, Wortbausteine in Wörtern zu erkennen, unterstützt nicht nur den Erwerb von Rechtschreibregeln. Gleichzeitig wird auch das Leseverständnis bestärkt, da Wortbausteine (fachsprachlich: Morpheme) die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten unserer Sprache sind. Dies ist ein großer Unterschied zu den Silben, die als Sprecheinheiten aufgefasst werden und (meist) keine Bedeutung tragen. Deutlich wird dies am Beispiel des Lesens: Zu Beginn des Leseerwerbs erfolgt das Lesen häufig noch recht mühsam und silbenweise (z. B. Woh-nung, mu-tig). Im Laufe zunehmender Leseerfahrungen vergrößert sich dann die gelesene Einheit bei Texten. Dies hat einen entscheidenden Vorteil: Wer Wortstämme auf einen Blick erkennt, kann meist auch die Bedeutung eines Wortes schnell erfassen (z. B. Wohn-ung, mut-ig). Wörter, Sätze und Texte können so zunehmend flüssiger und sinnentnehmend gelesen werden.

Wortverwandtschaften, Wortbildung und Wortbaustein

In der Therapie der Lese-Rechtschreib-Schwäche geht es meist zunächst darum, ein Sprachgefühl für Wortverwandtschaften zu entwickeln und anhand von verwandten Wörtern den Wortstamm sowie die Wortbausteine zu bestimmen, die vor oder nach dem Wortstamm auftauchen können (z. B. aus-such-en, ver-such-en, die Ver-such-ung, du such-st). Um die Struktur der Wörter auch visuell zu verdeutlichen, werden dabei die einzelnen Wortteile anhand von „Bausteinen“, beispielsweise in Form von Holzwürfeln oder laminierten Kärtchen, abgebildet.

Auch Felix gewann mithilfe dieser Arbeit wichtige Einsichten in die Struktur und den Aufbau unserer Schrift. Weitere Übungen zum Bilden und Finden von verwandten Wörtern ergänzten diese Arbeit. Auf der Grundlage dieses Wissens konnte Felix in der integrativen Lerntherapie nach und nach wichtige Rechtschreibregeln entdecken und anwenden. Nach einiger Zeit fiel ihm sein selbst gebasteltes Türschild wieder in die Hände und er stellte fest: „‚Leute’ wird mit eu und ‚gebt’ mit b geschrieben! Und ‚entlich’ sieht irgendwie komisch aus!“ Für Felix’ Lerntherapeutin war klar: Den Unterschied zwischen ent- und end- wird Felix sicher bald kennenlernen.


Dr. Astrid Schröder

Dr. phil. Astrid Schröder ist Diplom-Patholinguistin und war mehrere Jahre in der Forschung und Lehre an der Universität Potsdam tätig. Seit 2015 leitet sie bei den Duden Instituten für Lerntherapie den Fachbereich Lese-Rechtschreib-Schwäche/Deutsch.

Literatur

Pilz, D. & Schubenz, S. (1979). Schulversagen und Kindertherapie. Köln: Rahl-Rugenstein.

Rehak, B. (2017). Lerntherapeutische Förderung von rechtschreibschwachen Kindern als fachdidaktische Herausforderung – Einblicke in das Konzept der Duden Institute für Lerntherapie. In: L. Huck & A. Schulz (Hg.). Lerntherapie und inklusive Schule (136–145). Berlin: Dudenverlag.